Tag-Archiv für 'religion'

„Es ist nur schwierig für die Juden, das zu akzeptieren.“

Die katholische Kirche versucht sich, nach kurzer Auszeit, mal wieder in ihrer Kernkompetenz, der Judenmission. Der Chief-Exorcist und gleichzeitige Papst der Kirche, ehemals bekannt als Ratze, will an Ostern wieder für das Seelenheil der Juden beten:

Die neue Fassung der Karfreitagsfürbitte von Papst Benedikt XVI. lautet in deutscher Übersetzung: „Wir wollen beten für die Juden. Dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen.“ In diesem Duktus geht es noch ein paar Sätze weiter.

Alle vollzählig auf Planet Gaga? Die Kritik an dem Wiederaufleben dieser alten antijüdischen Tradition weisen die tapferen Missionare weit von sich. Denn schuld an den Missverständnissen sind, repeat after me, nur die Juden:

Benedikt XVI. schickt lediglich Kurienkardinal Walter Kasper vor, der im Vatikan für den interreligiösen Dialog zuständig ist. Der redete zunächst bezüglich der Fürbitte von Missverständnissen – um dann aber doch klarzustellen: „Der Papst lässt das Gebet. Es ist ja auch aus unserer Sicht theologisch vollkommen in Ordnung. Es ist nur schwierig für die Juden, das zu akzeptieren.“

via: taz, 19.03.2008

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Restauration und Revision

A poster from the Izzedine al-Qassam Brigades Website. The inscription reads No! to making Al-Aqsa mosque Jewish.
Ein Poster auf den Internetseiten der Issedin Al-Kassam-Brigaden. Die Aufschrift: „Gegen den Versuch, die Al-Aqsa-Moschee jüdisch zu machen.“

„Geh‘ heute bloß nicht auf den Tempelberg“, schrieb mir meine Mutter vor ein paar Tagen zu meiner großen Verwunderung. Wie schon öfters musste ich über den Umweg von Freunden und Familie in Deutschland mehr über die aktuelle Lage vor meiner Haustür erfahren: Wegen Renovierungsarbeiten an der Zugangsbrücke zum Tempelberg gibt es seit Tagen Proteste und Ausschreitungen in Jerusalem und vielen Städten der Westbank. Die benötigte Restauration der Brücke wird von arabischen und muslimischen Wortführern als Versuch Israels ausgelegt, die Al Aqsa Moschee zu zerstören. Dabei bleiben sie die Antwort auf die berechtigte Frage schuldig, wie das mit einem popeligen Bagger 70m weit weg von der Moschee denn funktionieren soll.

Warum behaupten manche nun also solch einen Schmarrn? Um diese Frage zu beantworten hilft es, statt die Widersprüche der Behauptung eher den Kontext der Thesen unter die Lupe zu nehmen: Die jüdische Geschichte Jerusalems soll entwertet oder ganz widerlegt werden, gegen alle historische Fakten:

Today, thousands of Islamic rulings, publications and sources deny the Jewish roots in Jerusalem and its holy places. They claim that the Temple didn‘t even exist in Jerusalem but was located in Nablus or Yemen. An Islamic legal pronouncement (fatwa) on the Jerusalem Waqf (Muslim religious trust) Web site says King Solomon and King Herod did not build the Temple at all, but merely refurbished an existing structure that had been there from the days of Adam. Today, many Muslims call the Temple „the greatest fraud crime in history“ and many Muslim adjudicators attach the world „so-called“ to the word „temple.“

On the southern Islamic movement’s Web site, Mohamed Khalaikah cites Israeli archaeologists in support of his theory that there is no trace of the Jews‘ Temple. He distorts the writings of these archaeologists, whose studies provided findings from Biblical sources corroborating the Temple’s existence.

Lila hat einen zu recht bissigen Artikel zu den derzeitigen Riots auf dem Tempelberg geschrieben, der die aktuelle Situation sehr gut zusammenfasst:

Bei der Errichtung einer Brücke statt einer vor ein paar Jahren eingestürzten Fußgängerrampe wird also vorher gegraben, um sicherzugehen, daß keine archäologischen Funde dabei kaputtgemacht werden. Was ist daran skandalös? Wenn in Rom oder Athen Erdarbeiten vorgenommen werden, ist es selbstverständlich, vorher eventuelle archäologische Funde zu sichern. […]

Was kümmert es sie, daß diese Fußgängerrampe weit von der Al Aqsa-Moschee entfernt ist? Was kümmert es sie, daß von ihrem angeblich befürchteten Einsturz zuallererst die Klagemauer betroffen wäre, als Überrest des Tempels allen Juden der Welt heilig? Was kümmert es sie, daß die Israelis erklären, zeigen, filmen, und wieder erklären?

Es interessiert sie so wie sie die Motive der Redakteure der Jyllands-Posten interessiert haben, wie der Wortlaut der Papstrede sie interessiert hat und wie sie die Tatsache interessiert, daß Juden aus Rücksicht auf moslemische Gefühle den Juden Zutritt zu ihrem eigenen Tempelberg verwehren! Es kümmert sie kein bißchen. Auf der ganzen Welt sind die Schreihälse wieder unterwegs, “Mit Geist und Blut erlösen wir dich, Al Aqsa!” Erlösen wovon? Der Waqf verwaltet Al Aqsa und nutzt seine Autonomie dazu, selbst zu buddeln wie die Weltmeister - und damit eventuell die Klagemauer zum Einsturz zu bringen. Außerdem läßt der Waqf jüdische Altertümer verschwinden, um seine Behauptung, daß Jerusalem nie jüdisch war, zu untermauern.

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Eight Days Full of Wonder

Adam Sandler entzückte in den 90ern junge jüdische Gemüter mit der Feststellung, dass man statt „one day of presents“ an Hannukah „eight crazy nights“ hätte.

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Wir waren gestern Abend bei dem sehr netten Ehepaar P. in Jerusalem zum Hanukkah-Abendessen eingeladen. Einerseits war es eine feierliche Athmosphäre, anderseits war alles sehr unaufgeregt und selbstverständlich. Kopf bedecken oder nicht: egal. Kragen bis wohin: egal. Hauptsache es sind genug Zuschauer für das Anzünden der Hanukkiah da, die an die wundersame Ölvermehrung im zweiten Tempel erinnern soll. Großes Entsetzen beim Anzünden der Menorah: Nur noch ein Kännchen reines Olivenöl da. Die einzige Kanne Öl, die nach der Entweihung des Tempels durch Antiochus IV. übrig war, reichte damals aber erstaunlicherweise ganze acht Tage, was genügte, um neues herzustellen. Das waren sieben Tage länger, als so eine normale Kanne Öl reichte. Deshalb ja Wunder.

Das Anzünden sollen alle sehen, deshalb stehen seit etlichen Tagen überall in Jerusalem und Tel Aviv (und überall sonst in Israel) kleine achtarmige Leuchter in den Fenstern und leuchten bei Einbruch der Dunkelheit was das Zeug hält.

Acht Tage also statt einem, das macht doch nur sieben Tage wundersam, oder? hören wir Euch fragen. Der umsichtige Gastgeber konnte diesen Einwand jedoch dreifach entkräften:

  1. Das erste Wunder war schon mal, dass man diesen beknackten Hellenen den Tempel wieder abgerungen hatte.
  2. Das Wunder fing schon am ersten Tag an, da innerhalb von 24 Stunden nur 3 Stunden wert Öl verbrannt ist. Stichwort: Dreisatz.
  3. Warum nur sieben Tage feiern, wenn man auch acht feiern kann?
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Religiös verbrämter Nationalismus oder gute Einführung in jüdischen Geschichtsbegriff?

Gerade haben wir eine Gruppe aus Deutschland bei uns in Yad Vashem zu Besuch. Sie haben ein ziemlich intensives neuntägiges Programm, das jeden Tag von 8.30 Uhr bis 18 oder manchmal auch bis 21 Uhr geht. Es ist eine sehr spannende, informierte und interessierte Gruppe, meist PädagogInnen oder LehrerInnen. Der ein oder andere Student und Hochschullehrende ist auch dabei. Gestern Abend waren wir schon zusammen schön einen trinken im Sira, eine Kneipe die aussieht, als wäre sie in einer idealtypischen deutschen Studentenstadt erst abgebaut, dann in der Rehov Ben Sira in Jerusalem Stein für Stein wieder aufgebaut worden.

Wer feiern kann, so ein wohl bekanntes Sprichwort, kann angeblich auch arbeiten. Die Gruppe macht dem Sprichwort alle Ehre. Heute gab es für sie neben zwei Workshops und einer Recherchestunde drei Vorträge zu hören. Angehört habe ich mir einmal David Bankier zu jüdischen Reaktionen auf den Nazi-Antisemitismus, dann Yaacov Lozowick über die israelische Gesellschaft und den Holocaust. Der erste Vortrag war in Teilen relativ flapsig gehalten, was mich von dem Leiter des International Institute for Holocaust Research etwas überraschte, aber die Entwicklungen manchmal auch klarer erscheinen ließen. Er arbeitete heraus, wie die Zwangsidentifikation der ehemalig als sehr assimiliert geltenden deutschen Juden erst zu einer segregierten Gesellschaft und dann zum Holocaust führen konnte. Zum Ende stellte er noch fest, dass es über den Begriff der Volksgemeinschaft einige Kontinuität zwischen Drittem Reich und Bundesrepublik gebe und zeigte dies deutlich an einigen Beispielen aus der juristischen (Nicht-)Verfolgung von Nazi-Straftätern auf, für deren Entlastung sich nach 1945 in einigen Fällen Sozialdemokraten oder Christen einsetzten. Alle waren sehr zufrieden mit den Vortrag, amüsiert über die kleinen Seitenhiebe Bankiers auf die Verfasstheit der deutschen Gesellschaft und machten fleißig Notizen. Ich auch.

Beim letzteren Vortrag passierte allerdings etwas für mich überraschendes. Lozowick schilderte den Zusammenhang zwischen dem jüdischen Gedächtnisbegriff, seiner Verarbeitung in der israelischen Gesellschaft und dem geschichtlichen Ereignis des Holocaust. Das Gedächtnis, religiös betrachtet, sei eines, das sich als ein Miterleben an dem geschichtlichen Ereignis darstellt. D.h. Juden erinnerten auch an Sachen wie dem Auszug aus Ägypten vor mehr als 3000 Jahren heute immer noch, als ob sie dabei gewesen wären. Sie beziehen sich in ein historisches Narrativ ein, das heute Museums-Guides veranlasst, im historischen Wir zu sprechen („Als wir damals aus Ägypten ausgezogen sind…“ Vielen Dank an Viola für diesen anschaulichen Hinweis). Diese Kultur der Erinnerung schlägt sich auch in Feiertagsriten nieder, die im Kreise der Familie jedes Jahr begangen werden (im Falle des Auszuges aus Ägypten ist es das heute noch heftig gefeierte Pessach-Fest).

Im Zusammenhang mit katastrophalen Ereignissen hängt der Erinnerungsbegriff stark mit einer Passage aus dem Klageliedern Jeremias’ zusammen, in der eine Frau die Zerstörung des Tempels beschreibt. Danach ergaben sich für Lozowick drei Stufen jüdischer Erinnerung an Katastrophen: 1. Das Erzählen über das Ereignis, 2. Das Rechnen/der kulturelle Einbezug des Ereignisses, 3. Das Ins-Verhältnis-Setzen des Ereignisses. Ich hoffe, ich habe das richtig verstanden. Diese drei Schritte prägten auch die historische Entwicklung der Betrachtung des Holocaust in der israelischen Gesellschaft. So wurde 1961 durch Zeugenausssagen im Eichmann-Prozesses das erste Mal bekannt, was wirklich in den deutschen Konzentrationslagern passiert ist, die Öffentlichkeit des ganzen Landes hing an jedem Wort, das in dem per Fernsehen und Rundfunk übertragenen Prozesses gesprochen wurde. In Folge dieser Ereignisse prägten sich die Bilder des Holocaust derartig tief im Bewusstsein der Israelis ein, dass auch Menschen, die erst nach 1961 aus dem arabischen oder afrikanischen Ausland einwanderten, Albträume vom Holocaust hatten. Bis heute hätten alle Israelis Albträume über den Holocaust, erläuterte Lozowick, und das werde die nächsten Generationen auch so bleiben, da es mit der spezifischen jüdischen Erinnerungskultur zusammenhinge. Der zweite Schritt, das Rechnen mit dem Erlebnis, ereignete sich Lozowick zufolge in den 70ern, als alle möglichen politischen und gesellschaftlichen Akteure den Holocaust in die Legitimation ihrer Agenda einbezogen. Das erste israelische Schulbuch, dass den Holocaust thematisierte, erschien 1982 und läutete, so Lozowick, die dritte Phase des Erinnerns ein, die einen akademischen, wissenschaftlichen Erinnerungsbegriff ermöglicht. Alles in allem sei es die Erinnerung, die Das Judentum zu einer so alten Religion und Kultur hat werden lassen, und das Alter wiederum sei es, das die lange Erinnerung ermögliche. Deshalb werde es in 1000 Jahren noch Juden geben sowie ihre kollektive Erinnerung an den Holocaust.

So. Das war die sehr kurz gehaltene Fassung von dem, was er sagte. Ich hoffe, ich habe es ansatzweise richtig und verständlich wiedergegeben. Ich war sehr zufrieden mit den Vortrag, amüsierte mich über die kleinen Seitenhiebe Lozowicks auf die Verfasstheit der deutschen Gesellschaft und machte fleißig Notizen. Nicht so viele andere im Seminar.

Jemand sprach von religiös verbrämten Nationalismus, viele fanden das jüdische Indentifikationsschema, das er für die israelische Gesellschaft entwarf, problematisch, mancher war wegen mangelndem neuen Faktenwissen enttäuscht, manche empört über das Dissen der deutschen Presse als israelfeindlich. Ich fand es eine hervorragende Einführung in einen Teil israelischer Gesellschaft, den ich vorher nicht sehen konnte, weil ich mich mit Judentum wie mit anderem religiösen Gedöns einfach nicht auskenne. Die Erinnerungskultur, die für den Staat Israel grundsätzlich konstitutiv ist, erschien für mich so etwas begreifbarer. Tatsächlich spielt Erinnerung in Israel sowie in der jüdischen Kultur eine sehr übergeordnete Rolle, nun hat mir das endlich mal jemand religiös hergeleitet, auch wenn diese Erinnerungskultur sicherlich politisch und gesellschaftlich überformt wird, wenn sie legitimatorisch für politische Entscheidungen herangezogen wird. Komisch war nur, dass beinahe alle mit dem Vortrag unzufrieden waren, ich allerdings das Gefühl hatte, etwas mitgenommen zu haben. Vielleicht kann ich daran ablesen, dass ich schon seit mehr als drei Monaten in Israel bin und mich an die Verquirlung nationaler und religiöser Symbolik gewöhnt habe, besonders im politischen Diskurs. Es ist wohl etwas sehr einzigartiges, das mich wahrscheinlich vor ein paar Monaten ähnlich befremdet hätte. Vielleicht schaue ich auf solche Ausführungen mit der Distanz, die man sich in Israel schnell angewöhnt, mit dem grain of salt, dem man jeder Rhetorik beimessen muss. Jedenfalls denke ich weiter darüber nach.

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Nachlese: Die BürgermeisterMeaShearimRamadanBibelTour- Woche. Teil 2.

Teil 2 dieser zweiteiligen Serie fängt mit der Geschichte an, dass wir Pizza backen wollten und ich low-fat Käse gekauft habe, und zwar ein Kilo davon. Das war zwar zu viel Käse, aber zu wenig Fett, so dass es ein sehr gesundes Pizzaessen wurde. Er sah aber auch wirklich gut aus im Kühlregal, seine Verpackung war mit der schönen italienischen tricolore versehen… dass er nur 18% Fettgehalt im Trockenanteil hatte, konnte ich beim besten Willen nicht sehen, als ich ihn beschwingt in den Einkaufskorb plummsen ließ. Es wurde trotzdem noch ein sehr vergnüglicher Abend, wenn auch ein sehr fettarmer.

An diesem Abend haben wir uns aber zu der Bibel Tour in und um Jerusalem verabredet, die dann am Wochenende auch stattfand. Die meisten biblischen Stätten liegen im Ostteil der Stadt, über den schon seit Jahrzehnten als politischer Spielball in allen Friedensverhandlungen gerungen wird. Er ist mehrheitlich arabisch bewohnt. Angefangen haben wir in der Himmelfahrtskapelle, die auf dem höchsten Punkt des Ölbergs steht, wo der christliche Heiland 39. Tage nach seiner Auferstehung (Christentum kompakt: die war drei Tage nach seiner Kreuzigung) in den Himmel gefahren ist. In der Kapelle ist auch sein Fußabdruck noch zu sehen. Das alles hört sich sehr ähnlich zwei anderer religiöser Geschichten an: Muhammed ist mit seinem Ross („Hü, El Burak, hü!“) vom heutigen Tempelberg in den Himmel gefahren, um dort die islamischen Gebete von Gott zu empfangen. An der Stelle steht heute der Felsendom, der mit seiner goldenen Kuppel den touristischen Fotosymbolismus der Stadt wie kein anderes Merkmal prägt. Auf dem Foundation Stone, von dem er abgehoben ist, sind sowohl die Hufabdrücke seines Pferdes als auch die Fingerabdrücke des Erzengels Gabriels zu sehen, der den Stein davon abhalten musste, Muhammed in den Himmel zu folgen. Dann ist da noch Jacob, der in Genesis 28, 10-22 im Traum eine Leiter sieht, über die die Engel in den Himmel fahren und dann von Gott das Exil der Juden vorausgesagt bekommt. Von einem Leiterabdruck ist da aber nicht die Rede. Keine Ahnung, was ich damit sagen möchte, aber irgendwie fiel mir auf, dass es die Religionen vor Ort mit den Himmelfahrten haben. Genug Theologie.

P1010091Als nächstes ging es auf den Ölberg, von dem aus man einen wundervollen Blick über Jerusalem und die Altstadt hat. Hat man erst mal die Verkäufer mit ihren Souvenirs abgewimmelt, fällt der Blick automatisch auf den Tempelberg auf dem Platz der zwischen Felsendom und Al-Aqsa-Moschee liegt. Dort wurde eine Partie Fußball gespielt, vor der drittheiligsten Stätte des Islam erprobten sich also junge Kicker-Talente. Unterhalb des Platzes liegt das Goldene Tor, durch dass der jüdische Messias eines Tages die Stadt Jerusalem betreten wird. Der genaue Zeitpunkt ist noch nicht bekannt, bzw. in Expertenkreisen heftig umstritten. Moslems haben das Tor provisorischerweise meterdick zugemauert und einen Friedhof davor angelegt, denn es ist überliefert, dass der Messias nicht über Gräber gehen darf. Zusätzlich haben sie in den Gräbern Krieger in voller Rüstung beerdigt, denn am Tag der Wiederkunft werden die Toten auferstehen, und diese Toten werden dem Messias den Garaus machen. Der wird Augen machen. Man darf also gespannt sein, denn offensichtlich wird es noch mal ganz schön knapp für das Armageddon.

P1010101Danach ging es weiter zur Wall of Shame, denn allein die religiöse Zerissenheit dieser Stadt zu betrachten war uns einfach nicht interessant genug. Israels Sicherheitszaun um die Westbank geht mitten durch Jerusalem. Teile dieses Zauns (7%) sind handfeste Mauer, 5m hoch, ziemlich trostlos und sehr präsent, da sie meist durch dicht besiedeltes Gebiet führen. Was soll man sagen, bisher zeigt die Statistik einen signifikanten Rückgang in der Anzahl der Selbstmordattentate, die soliden Anteile der Anlage schützen Nachbarschaften von palästinensischen Snipern. Das ist alles nicht besonders schön und ich glaubte dem Herren in dem Gemischtwarenladen genau neben der Mauer, als er sagte, diese Anlage würde den Hass auf die Israelis nicht vermindern. Nicht mehr ganz folgen konnte ich ihm, als er zur ausländischen Kritik an der palästinensischen Regierung ausführte, man müsse die Hamas erst Fehler machen lassen, bevor man sie wirkungsvoll kritisieren könne. Graffiti kann jeder Kackbratzen...Die Israelis hätten nun mal die internationale Öffentlichkeit hinter sich, besonders in Konfliktfällen, wegen der „Story with the Holocaust“. So schnell wird also die History zur Story. Ich bezahlte mein Eis und ging meines Weges. Die diversen Grafitti auf der Mauer machten mir ihre GegnerInnen nicht sympathischer. Es gibt israelische Organisationen, die den Verlauf der Sicherheitsanlage durch Gerichtsverfahren wesentlich zum Vorteil der palästinensischen Bevölkerung verändert haben und innerhalb Israels ist sie höchst umstritten, wenn auch die Mehrheit der Bevölkerung grundsätzlich der sogenannten „Entflechtung“ von israelischen und palästinensischen Gebieten zustimmt.

Grabeskirche: Wem es mit den unterschiedlichen Religionen in der Stadt noch nicht kompliziert genug ist, der kann sich mal näher über die Grabeskirche informieren, die sich insgesamt sechs christlicher Konfessionen teilen. Untereinander sind die Glaubensrichtungen arg zerstritten, besonders was die Teilhabe angeht. So kam es im Streit um die Öffnung der Eingangstür zuletzt im September 2004 zu einer öffentlichkeitswirksamen Schlägereien zwischen Franziskanern und griechisch-orthodoxen Mönchen mit dutzenden Verletzten. Die Polizei musste Schlagstöcke einsetzen um die Gruppen von einandern zu trennen. Im Juli 2002 lieferten sich um den Streit über die Wohnungen auf den Dächern der Kirche äthiopische und koptische Mönche eine bewaffnete Auseinandersetzung. Seltene EintrachtZu solche unchristlichen Szenen kam es während unseres Besuches nicht. Man merkte allerdings eine gewisse Anspannung, da die Kirche ununterbrochen von den sechs Glaubensrichtungen für Gottesdienste benutzt wird. Während die Kopten noch am Jesusgrab das Weihrauchfässchen schwenken, sind die Äthiopier im Keller in einer Gruft zugange. Die jungen Armenischen Mönche vor dem Kreuzigungsstein müssen derweil mit ihren Gesängen etwas aufdrehen weil nebenan die Franziskaner auf der Orgel in die Tasten hauen. Keine Ahnung, womit die syrisch-orthodoxen in der Zeit beschäftigt waren.

Evangelische Kirchen haben in der Grabeskirche gar nichts zu suchen, bis heute ist der Zutritt für evanglische Geistliche sowie evangelische Gemeinden wegen des Schismas, mit der sie nach Luthers Thesenaschlag belegt wurde, verboten. Der evanglische Claim-To-Fame ist daher das Gartengrab, wo der protestantischen Auffassung nach Jesus beerdigt wurde. Unglaublich viele Freikirchen sammeln sich täglich in der Gartenanlage auf den unterschiedlichen Versammlungsplätzen und prägen hier das Bild. Mit den überlauten Predigten und dem konstanten Hände-in-die-Luft-halten und Singen wirken sie etwas fundamentalistisch.

Letzte Woche war auch Ramadan. Es kam zu den alljährlichen Auseinandersatzungen mit der Polizei, die männlichen muslimischen Gläubigen unter 45 Jahren den Zutritt zum Tempelberg verwehrten. Vorgestern Abend war das Ende des Ramadans, bei dem eine erhöhte Anschlagsgefahr befürchtet wurde. Deshalb waren gewisse Plätze in der Innenstadt Jerusalem’s vollständig abgesperrt. Auf einen Bus wartend habe ich beobachten können, wie eine Polizeistreife arabische Jugendliche erst kontrolliert und dann ins Auto eingeladen hat. Offensichtlich war ihr einziges Vergehen, arabisch ausgesehen zu haben. Die Jungs hatten sich für eine night on the town extra schick gemacht und sahen nicht besonders gefährlich aus, so wurde es wahrscheinlich eher eine night on the Polizeiwache. Schweinesystem halt. Etwas verstörend ist das hier manachmal schon. Es gibt aber auch wie immer Zeichen der Hoffnung.

So jetzt ist Schluss. Eine Sache noch: Zu Weihnachten gibt’s hier Weihnachtsbäume umsonst. Das israelische Religionsministerium lässt jedes Jahr ein kleines Nadelwäldchen abholzen, um christlichen Gläubigen ihre Religionsfreiheit mittels kostenlos zur Verfügung gestellten Bäumen zu garantieren. Wer will kann sie nach Vorzeigen des Passes am Jaffa-Tor abholen. Israel ist übrigens das einzige Land auf der Erde, das heute mehr Bäume hat als noch vor 100 Jahren.

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