Tag-Archiv für 'rassismus'

Das Trauma von Mölln

Deniz Yücel schildert eindringlich, welche Bedeutung die Morde von Mölln und Solingen bis heute in der Erinnerung vieler Menschen in der Bundesrepublik haben und welche Schikane es ist, in Deutschland als „Türke“ zu leben:

Dass die Deutschtürken die neun Toten von Ludwigshafen sofort damit in Verbindung gebracht haben, zeigt, wie tief sich die Morde vom November 1992 und Mai 1993 ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben. Besonders traumatisch waren diese Anschläge für die erste hier aufgewachsene Generation von Einwandererkindern, meiner Generation. Mölln und Solingen lehrten uns, dass wir bedroht waren. Dass man uns hier nicht wollte. Dass es überhaupt ein Uns gab. […]

Eine andere Episode ist schneller erzählt: Als ich mit 16 eine Aufenthaltsberechtigung beantragte, forderte die Ausländerbehörde ein amtsärztliches Gesundheitszeugnis, Kotprobe inklusive. Offenbar hatte ich nicht einfach das Recht, dort zu leben, wo ich mein ganzes Leben verbracht hatte. Vielmehr hing dieses Recht von der Beschaffenheit von Scheiße ab. […]

Keine 24 Stunden nach dem Anschlag standen Nachbarn, die mit meinen Eltern nie mehr als ein paar belanglose Worte im Treppenhaus gewechselt hatten, mit Blumen in unserer Wohnung. Bild-Leser und CDU-Wähler, die bestimmt für die Abschaffung des Asylrechts waren, denen es aber auch nicht um den deutschen Export ging. Ihre Scham war echt, und sie wollten meine Eltern um Verzeihung bitten.

Umso grandioser war das Versagen der Politik. Helmut Kohl weigerte sich, die Überlebenden von Mölln zu besuchen. Nach dem Anschlag von Solingen schickte er ein Beileidstelegramm an den türkischen Staatspräsidenten und ließ sich folgerichtig auf der Trauerfeier in Köln von seinem Außenminister Klaus Kinkel vertreten, der dort auf die Kommastelle vorrechnete, wie viele Steuern und Abgaben die hiesigen Türken leisteten. Es war als Argument gemeint, sie nicht totzuschlagen.

Quelle: taz, 11.02.2008

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Die schweigende Mehrheit spricht

Das DLF-Magazin stellte gestern Wolfgang Wippermanns neues Buch „Autobahn zum Mutterkreuz“ vor, in dem er Leserbriefe an die Bild-Redaktion nach dem Herman-Eklat bei Kerner analysiert.


[Direkt]

Neben den teilweise wirklich ekelhaften Beispielen aus seinem Fundus, die man zu hören bekommt, spricht er auch die Erscheinung der so genannten „schweigenden Mehrheit“ an, über den ich auch schon seit langem rätsel: Sie schweigt nicht.

Ob nun über TV-Auftritte bei Kerner oder CCTV-Vorführungen in der Münchener U-Bahn, die meisten Deutschen können wohl vor lauter Schweigen doch gar nicht mehr an sich halten und prusten das heraus, was jahrelang offensichtlich einfach nur tabuisiert war. Die schweigende Mehrheit, letztens noch von Koch als Legitimierung seiner rassistischen Ausfälle herangezogen, wäre so oder so ein denkbar schlechtes Mittel zur Sicherung von Politik… davon aber einmal abgesehen ist der Begriff aber eher eine ideologische Figur: Die wirklichen Rassisten, das wissen ja alle, sind in der NPD.

Wird der selbe Jargon von Mitgliedern der CDU oder Bild-LeserInnen gepflegt, die sich bekanntlicherweise als lupenreine Demokraten ausweisen können, dann tun sie dies weil sie mutig genug sind, die Wahrheit zu sagen. Wesentlich ist dabei die herbei-halluzinierte Atmosphäre der Angst, die von den PDS-Kommunisten, Türkenfreunden und grünen Multikulti-Apologeten verbreitet wird.

Die schweigende Mehrheit ist wohl eher ein landeseigener Lynchmob.

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Same old, same old.

Dass sich die Welt innerhalb einer Woche ändert hätte ich nicht erwartet. Dass es allerdings so nahtlos weiter geht überrascht mich auch und ist mir ein Blogpost wert. Hier also die Follow-ups zu zwei Posts aus letzter Zeit:

  • Roland Kochs Dichtung und die Wahrheit aus den Redaktionsstuben der Süddeutschen. So gefährlich es ist, auf Kochs rassistische Ausfälle im Wahlkampf überhaupt einzugehen und sie damit als Diskussionsbeiträge zu legitimieren, so notwendig ist es auch. Die Lügen, die Koch von sich gibt, kann er nicht äußern ohne sie wie viele andere selbst zu glauben.
  • U-Bahn-Übergriffe bleiben weiterhin ein riesiges Problem, vor allem für Opfer rassistischer Über- und Angriffe, die teils tödlich enden. LeserInnen der Jungle World wissen das aus dem wöchentlichen Deutschen Haus. In Strasburg wurde ein Jugendlicher von einem Erwachsenen wegen eines „vorwurfsvollen Blickes“ mehrfach in den Hals gestochen und ermordet.
  • Das deutsche Familienglück bleibt lebensgefährlich, besonders im Hort der intakten Familien: Bayern. Es bleibt dabei: Kinder statt Inder, egal ob im Reihenhaus oder der Tiefkühltruhe. Hauptsache deutsche Familienpolitik bleibt deutsche Bevölkerungspolitik.
  • Ach so, und in der Jungle World letzter Woche ist auch ein lohnender Artikel zu 68, der auf das taz-Interview mit Aly und Rutschky Bezug nimmt (von Cord Riechelmann).
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Batzohoraim hayom: Der Kontakt zur Realität

Hin und wieder, ich gebe es zu, falle ich darauf rein. Zwar nie besonders lange, aber ich zweifle: Naja, vielleicht ist Deutschland ja gar nicht so scheiße wie ich dachte, tut sich ja auch viel dort. Zum Glück verliere ich nur äußerst selten derartig den Kontakt mit der Realität. Es passiert meistens, wenn ich mal länger nicht in die Zeitung gucke oder mehr mit Freunden als mit Überzeugungsdeutschen zu tun habe, aber zum Glück besitzt die Realität eine ungeheure Gabe zur Einholung. Als kleinen Auffrischer gibt es heute Mittag darum zwei Meldungen, einmal was zu Nazis damals, einmal was zu Nazis heute. Beide Male haben sie absolut nichts mit den „Rändern der Gesellschaft“ zu tun, an denen sie vorzugsweise von zivilgesellschaftlichen Gutmenschen gesucht werden, sondern sind mitten unter uns: CDU- und SPD-Wähler, Gewerkschaftsmitglieder und Vereinsvorsitzende.

Schon von letztem Jahr, dank Volker Radke wiederentdeckt: Warum es in Deutschland keine Todesstrafe mehr gibt. Ein Artikel im Tagesspiegel vom 18. Okt 2005 von Charles Lane erinnert:

Artikel 102 [“Die Todesstrafe ist abgeschafft.“] war das Geistesprodukt eines rechtsextremen Politikers [Hans-Christoph Seebohm Vorsitzender der „Deutschland-Partei“], der mit verurteilten Nazi-Kriegsverbrechern sympathisierte – und verhindern wollte, dass sie von den britischen und amerikanischen Besatzungskräften getötet würden. Artikel 102 war also keineswegs ein Signal gegen das barbarische System Hitlers, sondern eine Stellungnahme gegen die angeblichen Exzesse alliierter Siegerjustiz. […]

Gleichzeitig gab es wenig Widerstand gegen die Todesstrafe für gewöhnliche Kriminelle. In einer Allensbach-Umfrage vom Februar 1949 sprachen sich 77 Prozent der Westdeutschen für sie aus.

Weiterlesen empfohlen, allerdings wird es nicht mehr rosiger für den Artikel 102. So begrüßenswert das Verbot der Todesstrafe auch sein mag, Deutschland hat es, wie zu vermuten war, aus all den falschen Gründen.

Zur Gemütslage der Nation berichtete auch letzte Woche die Friedrich-Ebert-Stiftung mit ihrer Studie „Vom Rand zur Mitte“ (PDF, 688 kB). Jules fasst es für alle noch mal zusammen:

Pünktlich am 9. November kommt man in Deutschland zu der Erkenntnis, dass

  • 43,8% der Ostdeutschen und 35,2% der Westdeutschen glauben, dass Ausländer nur nach Deutschland kommen, „um unseren Sozialstaat auszunutzen“.
  • 39,1% finden, dass die Bundesrepublik „durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“ sei.
  • 26,7% der Deutschen ausländerfeindlichen Aussagen zustimmen.
  • 26% sich nach einer einzigen Partei sehnen, von der die „Volksgemeinschaft“ verkörpert werde.
  • 15,2% meinen, es sollte einen Führer geben, „der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert“.
  • Fast 15% sich überzeugt zeigen, dass die Deutschen anderen Völkern „von Natur aus überlegen“ seien.
  • Mehr als 10% der These zustimmen, es gebe „wertvolles und unwertes Leben“.
  • 8,6% der Befragten ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben.

Auch Antisemitismus ist der Studie zufolge weit verbreitet:

  • 17,8% der Befragten geben an, dass „der Einfluss der Juden zu groß“ sei.
  • 13,8% meinen, die Juden arbeiteten mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen.

Willkommen zurück.

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