Tag-Archiv für '68er'

Gestern: Georg Fülberth über den „Mythos 1968″

Wohin man guckt: 68. DER SPIEGEL, Jutta Ditfurth, die taz, der neue SDS… alle reden sie über die magische Zahl. Aber vor allem die reden darüber, die selber dabei waren. Schließlich ist es für die Uni-Revoluzzer ein runder Geburtstag. 40 Jahre markieren einen generationellen Schnitt: zu diesem Zeitpunkt nach einem Ereignis sterben so langsam die Zeitzeugen des Ereignisses aus. Die einzige Möglichkeit, die autobiografisch bedeutsame Erinnerung weiter zu geben und bedeutsam zu halten ist sie in kulturelle Formen zu passen. Moses hat’s vor gemacht: nach 40 Jahren durch die Wüste wurde die Erinnerung an den Auszug aus der ägyptischen Gefangenenschaft zur Grundlage einer ganzen Religion.

40 Jahre nach dem Auszug der Intelligenz aus dem Reich der Ordninarien in die bunte Welt der individualisierten Kontrollgesellschaft kommen nun allmählig die ersten ehemaligen Revoluzzer auch in dem Land an, in dem Milch und Honig fließt namens „Altersruhestand“. Und statt zwei Gesetzestafeln und einem ewigen Bund mit Gott haben sie ihren Nachkommen auch etwas zu bieten: Fernsehdokus, Feuilletonbeilagen, DVD-Sets, Biografien, sogar ganze Kongresse, in denen es um nichts anderes geht.

Ein Abfeiern der 68er musste man von Georg Fülberth bei seiner Veranstaltung im Infoladen gestern Abend nicht erwarten. Seine Thesen zu dem Zustandekommen des symbolträchtigen Jahres kann man in der Jungle World 03/2008 nachlesen:

In den hoch entwickelten kapitalistischen Ländern verschwanden nach 1960 die Bauern als eine quantitativ und ökonomisch relevante Menschengruppe, und es stieg eine neue Massenschicht auf: die Intelligenz. […]

Die Revolte von 1968 war das Betriebs­geräusch, das dadurch entstand, dass die neue Massenschicht sich auf ihren Platz im politischen und gesellschaftlichen System drängelte. Schließlich – mit Zeitverzögerung von einem Jahrzehnt – produzierte sie sogar eine eigene Partei: die Grünen. Eine Dramatisierung erfuhr der Aufstieg der Intelligenz dadurch, dass sie in den sechziger Jahren auf dem Arbeitsmarkt stark nachgefragt war.

Seiner Selbstbeschreibung nach nahm Fülberth an 68 nicht teil. Die wahlweise biografisch-verarbeitende Fetischisierung oder Dämonisierung blieb zugunsten einer geübt distanzierten Haltung aus. Als gestandener Materialist nimmt er der einstigen Avantgarde den revolutionären Wind aus den Segeln: Die oppositionellen Studis setzten als praktisches Vollzugspersonal einer beschleunigten kapitalistischen Wirtschaftsweise soziale und kulturelle Reformen gegen ein reaktionäres Bürgertum um.

Das Tönen darüber heute verdanken wir den gleichzeitig erschlossenen Artikulationsformen: die Intelligenz spricht gerne über ihren Aufstieg in öffentlichen Medien und Zeitungen, widmet ihnen Vorlesungen und Biografien oder steht als Interviewpartner_in in Talkshows zur Verfügung.

Es bleibt die Frage, welche Fassungen des damals geschlossenen ehernen Bundes nun bestehen und welche aufgebrochen werden müssen. Nur kurz zur Sprache kam das emanzipierte Geschlechterverhältnis, das durch die Revolte nur ansatzweise angedacht und durchgesetzt werden konnte.

Alles in allem eine sehr gute Veranstaltung! Danke Infoladen!
(Dieser Post wurde zuerst veröffentlicht bei der DL Gießen)

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„Dafür müssten Sie eigentlich heute noch Entschädigung an Berlin zahlen.“

Noch lächeln beide...
Götz Aly hat es in etwas zweifelhafter Manier im gemeinsamen Interview mit Katharina Rutschky in der taz knallen lassen. Das Ergebnis ist ob des ziemlich patriarchalen Redestils Alys zwar verstörend, aber dennoch ziemlich unterhaltsam zu lesen.

Haben Sie 1968 nicht als Befreiung empfunden?

Aly: Doch. 1967 siezten sich die deutschen Studenten ja noch. Da war man Fräulein Schmidt und Herr Aly. Man trug Faltenrock oder Krawatte und Jackett und kriegte einen Nervenzusammenbruch, wenn man zum Professor in die Sprechstunde musste. Aber all die Befreiungsschriften von damals sind Müll, unerträglich. Nicht nur die Theorie, auch die Schriften zu den Kinderläden. Es steht kein vernünftiger Satz drin, nichts, was man heute noch mit Gewinn lesen könnte.
Quelle: taz vom 27.12.2007

Generell ein sehr spannendes Interview, in der Aly sich etwas an seiner eigenen Verganhenheit abarbeiten kann: Mao, Agnoli, die vergessenen Kriegsverbrecherprozesse 1968 und vieles mehr.

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