Archiv der Kategorie 'praktikum'

Schönwetterisraelsolidarität

Dass es in Israel meteorologisch richtig eklig werden kann, hätte ich bis vorgestern nicht gedacht. Ich hatte mir nach Haifa meine Badehose mitgenommen und ich weiß nicht, wann ich mich schon mal je so sehr als enttäuschter Optimist gefühlt habe. Oren sagt: „Rain is always a blessing.“ Ich sage: „Wenn es bis morgen nicht aufgehört hat, bewerbe ich mich für ein Praktikum an einer Strandbar auf Bora-Bora.“

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Shabbat shalom!

Morgen geht es mit den Seminar-TeilnehmerInnen ins Ghetto Fighters House (Beit Lochemei HaGettaot – בית לוחמי הגטאות), danach den Shabbat in Akko vertreiben oder Haifa. Mal sehen. Für das Wochenende habe ich Euch etwas schönes rausgesucht:

Good Doggy!

Shabbat shalom und bis Sonntag.

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Religiös verbrämter Nationalismus oder gute Einführung in jüdischen Geschichtsbegriff?

Gerade haben wir eine Gruppe aus Deutschland bei uns in Yad Vashem zu Besuch. Sie haben ein ziemlich intensives neuntägiges Programm, das jeden Tag von 8.30 Uhr bis 18 oder manchmal auch bis 21 Uhr geht. Es ist eine sehr spannende, informierte und interessierte Gruppe, meist PädagogInnen oder LehrerInnen. Der ein oder andere Student und Hochschullehrende ist auch dabei. Gestern Abend waren wir schon zusammen schön einen trinken im Sira, eine Kneipe die aussieht, als wäre sie in einer idealtypischen deutschen Studentenstadt erst abgebaut, dann in der Rehov Ben Sira in Jerusalem Stein für Stein wieder aufgebaut worden.

Wer feiern kann, so ein wohl bekanntes Sprichwort, kann angeblich auch arbeiten. Die Gruppe macht dem Sprichwort alle Ehre. Heute gab es für sie neben zwei Workshops und einer Recherchestunde drei Vorträge zu hören. Angehört habe ich mir einmal David Bankier zu jüdischen Reaktionen auf den Nazi-Antisemitismus, dann Yaacov Lozowick über die israelische Gesellschaft und den Holocaust. Der erste Vortrag war in Teilen relativ flapsig gehalten, was mich von dem Leiter des International Institute for Holocaust Research etwas überraschte, aber die Entwicklungen manchmal auch klarer erscheinen ließen. Er arbeitete heraus, wie die Zwangsidentifikation der ehemalig als sehr assimiliert geltenden deutschen Juden erst zu einer segregierten Gesellschaft und dann zum Holocaust führen konnte. Zum Ende stellte er noch fest, dass es über den Begriff der Volksgemeinschaft einige Kontinuität zwischen Drittem Reich und Bundesrepublik gebe und zeigte dies deutlich an einigen Beispielen aus der juristischen (Nicht-)Verfolgung von Nazi-Straftätern auf, für deren Entlastung sich nach 1945 in einigen Fällen Sozialdemokraten oder Christen einsetzten. Alle waren sehr zufrieden mit den Vortrag, amüsiert über die kleinen Seitenhiebe Bankiers auf die Verfasstheit der deutschen Gesellschaft und machten fleißig Notizen. Ich auch.

Beim letzteren Vortrag passierte allerdings etwas für mich überraschendes. Lozowick schilderte den Zusammenhang zwischen dem jüdischen Gedächtnisbegriff, seiner Verarbeitung in der israelischen Gesellschaft und dem geschichtlichen Ereignis des Holocaust. Das Gedächtnis, religiös betrachtet, sei eines, das sich als ein Miterleben an dem geschichtlichen Ereignis darstellt. D.h. Juden erinnerten auch an Sachen wie dem Auszug aus Ägypten vor mehr als 3000 Jahren heute immer noch, als ob sie dabei gewesen wären. Sie beziehen sich in ein historisches Narrativ ein, das heute Museums-Guides veranlasst, im historischen Wir zu sprechen („Als wir damals aus Ägypten ausgezogen sind…“ Vielen Dank an Viola für diesen anschaulichen Hinweis). Diese Kultur der Erinnerung schlägt sich auch in Feiertagsriten nieder, die im Kreise der Familie jedes Jahr begangen werden (im Falle des Auszuges aus Ägypten ist es das heute noch heftig gefeierte Pessach-Fest).

Im Zusammenhang mit katastrophalen Ereignissen hängt der Erinnerungsbegriff stark mit einer Passage aus dem Klageliedern Jeremias’ zusammen, in der eine Frau die Zerstörung des Tempels beschreibt. Danach ergaben sich für Lozowick drei Stufen jüdischer Erinnerung an Katastrophen: 1. Das Erzählen über das Ereignis, 2. Das Rechnen/der kulturelle Einbezug des Ereignisses, 3. Das Ins-Verhältnis-Setzen des Ereignisses. Ich hoffe, ich habe das richtig verstanden. Diese drei Schritte prägten auch die historische Entwicklung der Betrachtung des Holocaust in der israelischen Gesellschaft. So wurde 1961 durch Zeugenausssagen im Eichmann-Prozesses das erste Mal bekannt, was wirklich in den deutschen Konzentrationslagern passiert ist, die Öffentlichkeit des ganzen Landes hing an jedem Wort, das in dem per Fernsehen und Rundfunk übertragenen Prozesses gesprochen wurde. In Folge dieser Ereignisse prägten sich die Bilder des Holocaust derartig tief im Bewusstsein der Israelis ein, dass auch Menschen, die erst nach 1961 aus dem arabischen oder afrikanischen Ausland einwanderten, Albträume vom Holocaust hatten. Bis heute hätten alle Israelis Albträume über den Holocaust, erläuterte Lozowick, und das werde die nächsten Generationen auch so bleiben, da es mit der spezifischen jüdischen Erinnerungskultur zusammenhinge. Der zweite Schritt, das Rechnen mit dem Erlebnis, ereignete sich Lozowick zufolge in den 70ern, als alle möglichen politischen und gesellschaftlichen Akteure den Holocaust in die Legitimation ihrer Agenda einbezogen. Das erste israelische Schulbuch, dass den Holocaust thematisierte, erschien 1982 und läutete, so Lozowick, die dritte Phase des Erinnerns ein, die einen akademischen, wissenschaftlichen Erinnerungsbegriff ermöglicht. Alles in allem sei es die Erinnerung, die Das Judentum zu einer so alten Religion und Kultur hat werden lassen, und das Alter wiederum sei es, das die lange Erinnerung ermögliche. Deshalb werde es in 1000 Jahren noch Juden geben sowie ihre kollektive Erinnerung an den Holocaust.

So. Das war die sehr kurz gehaltene Fassung von dem, was er sagte. Ich hoffe, ich habe es ansatzweise richtig und verständlich wiedergegeben. Ich war sehr zufrieden mit den Vortrag, amüsierte mich über die kleinen Seitenhiebe Lozowicks auf die Verfasstheit der deutschen Gesellschaft und machte fleißig Notizen. Nicht so viele andere im Seminar.

Jemand sprach von religiös verbrämten Nationalismus, viele fanden das jüdische Indentifikationsschema, das er für die israelische Gesellschaft entwarf, problematisch, mancher war wegen mangelndem neuen Faktenwissen enttäuscht, manche empört über das Dissen der deutschen Presse als israelfeindlich. Ich fand es eine hervorragende Einführung in einen Teil israelischer Gesellschaft, den ich vorher nicht sehen konnte, weil ich mich mit Judentum wie mit anderem religiösen Gedöns einfach nicht auskenne. Die Erinnerungskultur, die für den Staat Israel grundsätzlich konstitutiv ist, erschien für mich so etwas begreifbarer. Tatsächlich spielt Erinnerung in Israel sowie in der jüdischen Kultur eine sehr übergeordnete Rolle, nun hat mir das endlich mal jemand religiös hergeleitet, auch wenn diese Erinnerungskultur sicherlich politisch und gesellschaftlich überformt wird, wenn sie legitimatorisch für politische Entscheidungen herangezogen wird. Komisch war nur, dass beinahe alle mit dem Vortrag unzufrieden waren, ich allerdings das Gefühl hatte, etwas mitgenommen zu haben. Vielleicht kann ich daran ablesen, dass ich schon seit mehr als drei Monaten in Israel bin und mich an die Verquirlung nationaler und religiöser Symbolik gewöhnt habe, besonders im politischen Diskurs. Es ist wohl etwas sehr einzigartiges, das mich wahrscheinlich vor ein paar Monaten ähnlich befremdet hätte. Vielleicht schaue ich auf solche Ausführungen mit der Distanz, die man sich in Israel schnell angewöhnt, mit dem grain of salt, dem man jeder Rhetorik beimessen muss. Jedenfalls denke ich weiter darüber nach.

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Vor verschlossener Tür

Es fängt die Arbeitswoche in Israel am Sonntagmorgen an. Nun kam ich vor mehr als einer Stunde bei meiner derzeitigen Arbeitstelle an, nur um die Tür zu meinem Büro verschlossen vorzufinden. Und vor verschlossenen Türen arbeitet es sich nun einmal nicht besonders gut.
Ja wo ist der Hausmeister?
Für mein Praktikum suche ich gerade nach (möglichst grundlegender) Literatur zu den Themen eLearning und Online-Kursangeboten. Aber wo anfangen? Besonders zu den Themen scheint es sich nicht leicht zwischen Werbe-Texten und ernst gemeinten Informationen zum aktuellen wissenschaftlichen Stand unterscheiden zu können.
Und das wird auch noch gebloggt, William M. Chace hält endlich die Rede, die er als Uni-Präsident gerne einmal gehalten hätte:

[…]Laudable could be cheaper, but you wouldn’t like it. You and your parents have made it clear that you want the best. That means more spacious and comfortable student residences (“dormitories,” we used to call them), gyms with professional exercise equipment, better food of all kinds, more counselors to attend to your growing emotional needs, more high-tech classrooms and campuses that are spectacularly handsome.[…]

After paying (and receiving) all this money, please finish up and get out. Colleges like Laudable are escalators; even if you stand still, they will move you upward toward greater economic opportunity. Once you leave us, you’ll have a better chance for a good job and a way to pay off your debt and to give us more money when we call on you as alumni.

So don’t flunk out; you’ve got too much invested in us, and we have too much invested in you. […]
Quelle: A Little Learning Is an Expensive Thing in der New York Times vom 5. Sept. 2006.

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Every stone here has a history

P1000417Der haerteste Job der Welt: Postbote in Jerusalems Altstadt. Ich bin hier mittlerweile in einem ganz guten, ganz guenstigen Hostel im moslemischen Teil der Altstadt untergekommen. Ein Quadratkilometer, eng umgrenzt von der Stadtmauer, die sich in vier ganz gut von einander zu trennenden Gebiete einteilen laesst: Muslimisch, christlich, armenisch und juedisch. Die Uebergaenge werden nicht durch Pforten oder Schilder, sondern alleine schon durch die unterschiedliche Nutzung, das Aussehen der Laeden und Strassen deutlich. Wenn man eine Strasse entlang geht, die in ein anderes Viertel fuehrt, ist der Uebergang merklich.

Das juedische Viertel, das an die Klagemauer grenzt, ist ein relativ ruhig gelegenes Wohnungsgebiet. Das muslimische Viertel dagegen birst fast aus seinen engen, ueberdachten Gassen, aus den Gewuerzlaeden stroemen tausend vermengte Duefte, Metzgereien, Schmuck-Ateliers, Teehaeuser, Musiklaeden und natuerlich ueberall Kleidungsgeschaefte. Mittendrin Kinder auf Fahrraedern, Frauen, die den letzten freien Quadratzentimeter zum Obstverkauf nutzen, Touristen, Marktschreier, Schischas und fliegende Teeverkaeufer. Der Wirrwarr ist betraechtlich.
P1000437Ich wohne bis Freitag im Hebron Hostel (huebsche Fotos), das wirklich mitten drin in diesem Viertel liegt. Dann ziehe ich (hoffentlich!!!) in das Wohnheim der Hebrew University ein. Hier gibt es unter dem Hostel ein Tearoom, die auch kleine Speisen servieren und Internet haben. Im Fernseher laeuft manchmal EuroNews, manchmal Al Manar, der Hisbollah-Sender, dessen Botschaften ich sogar ohne Arabischkenntnisse verstehen kann.

Als ich heute in einem Teil der Altstadt etwas zu lange mit dem Blick in meinem versenkt Reisefuehrer stehen blieb, sprach mich ein aelterer Mann an, ob ich denn einen Guide braeuchte, er waere von der Kirche angestellt und nicht sehr teuer. Er blieb auch nachdem ich verneinte hoeflich, sagte zum Abschied: „This is Jerusalem you know, every stone here has a history.“ Und das ist wirklich wahr. Ich bin heute keinen Schritt gegangen, ohne mich zu fragen, wer wohl schon mal an meiner Stelle den Fuss dort hin gesetzt hatte (der Anrufer bei Al Manar versteigt sich gerade in eine Tirade, die Konzentration faellt schwer). Dieser Teil der Stadt ist so alt, so geschichtstraechtig, dass man mit einem einfachen Reisefuehrer nicht wirklich weiter kommt, ausser an den grossen historischen, religioesen oder politischen Staetten. P1000453Ich hatte immer das Gefuehl, egal an welcher einfachen Hauswand ich entlang lief, hier verpasse ich gerade etwas. Vielleicht legt sich das ja irgendwann mal in den naechsten vier Monaten, vielleicht nicht. Die beruehmte Stadtrundfahrt mit einem doppeldeckrigen Bus 99 mache ich hoffentlich morgen.

Heute faengt der juedischer Feiertag Tischa beAw an, deshalb ist die Polizei- und Militaerpraesenz in der Stadt etwas staerker als sonst.

P1000411Heute morgen habe ich mich auch mit Noa getroffen, meine zukuenftige Chefin bei Yad Vashem sowie Manja, die derzeitige Praktikantin, die auch bis Ende November da sein wird. Das Gelaende, auf dem das Museum untergebracht ist, ist riesig und wunderschoen, knapp ausserhalb der Stadt auf einem der vielen angrenzenden Huegel gelegen. Ich habe heute noch nicht in das Museum an sich geschaut, das muss ich machen, wenn ich mehr Zeit und Musse habe. Mein erster Eindruck von der Arbeit dort ist allerdings ein guter. Die Aufgabenbereiche sind relativ breit und die Projektorientierung verspricht viel Abwechslung (und wenig langfristieg Planbarkeit… naja).

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