Die jüdische Gemeinde in Dieburg war bis 1933 eine der aktivsten Gemeinden in der Region, mit 271 Mitgliedern wohnten in Dieburg mehr Juden und Jüdinnen als ProtestantInnen. Die Geschichte der Juden in Dieburg reicht allerdings bis ins Mittelalter zurück. Im Jahr 1928 wurde auf dem Gartengelände der alten Synagoge nach den Plänen des Architekten Rudolf Joseph aus Wiesbaden mit dem Bau einer neuen begonnen. Sie wurde im Juni 1929 feierlich eingeweiht und stand an der Adresse Marktplatz 20 an der sich heute die Dieburger Sparkasse befindet.
Am 9. und 10. November 1938 organisiert die SA auf Weisung der nationalsozialistischen Führung in ganz Deutschland die Pogrome, die im Nazi-Jargon fortan „Reichskristallnacht“ genannt und als spontaner „Volksaufstand gegen die Juden“ inszeniert werden. Synagogen und jüdische Geschäfte werden geplündert und niedergerbannt, jüdische Menschen auf offener Straße misshandelt und ermordet. Die Reaktion der Bevölkerung reicht von tatenlosem Zusehen bis hin zur aktiven Mithilfe an den Verbrechen.
In Dieburg wird am Abend des 10. Novembers 1938 der Innenraum der Synagoge von der Standarte 186 der SA-Brigade 50 (Starkenburg) komplett zerstört. Zu den Gründen, warum die Synagoge nicht gebrandschatzt wird gibt es unterschiedliche Darstellungen:
- Es wird befürchtet, dass ein Feuer auf die Nachbarhäuser übergreifen würde. In anderen Städten beugen die Feuerwehren dementsprechend vor und sehen zu, wie Synagogen niederbrennen während sie die Brände so weit eindämmen, so dass Nachbargebäude nicht zu Schaden kommen. In Dieburg hingegen soll die Integrität des Gebäudes erhalten bleiben.
- Deshalb erscheint eine weitere Tatsache erwähnenswert: Durch den konstanten Wegzug von Gemeindemitgliedern aus der Stadt wegen unerträglich gewordenen antisemitischen Repressionen geriet die jüdische Gemeinde in finanzielle Not. Sie nahm Hypotheken auf die Synagoge und ein Darlehen bei der hessischen Landesbank auf, die sie nicht zurückzahlen konnte. Darauf beantragte die Bezirkssparkasse Groß-Umstadt die Zwangsversteigerung der Synagoge. Die Bürgerliche Gemeinde Dieburg erwirbt das intakte Gebäude am 12. November 1938 für 2000 Reichsmark und führt so die erfolgreiche „Arisierung“ des ehemaligen jüdischen Besitzes durch.
Im Zuge der Pogrome kommt es auch in Dieburg zu Massenverhaftungen durch die Polizei und die Verschleppung in das Konzentrationslager Buchenwald. Der Nazi-Terror bleibt nicht wirkungslos, 1939 wohnen nur noch 29 jüdische BürgerInnen in Dieburg, viele fliehen aus Europa in die USA oder nach Palästina. Im Jahr 1942 werden die verbliebenen 14 Juden und Jüdinnen Dieburgs in Konzentrationslager verschleppt, Dieburg ist nun offiziell „judenfrei“.
Wie in ganz Deutschland bringt der Sieg der Allierten nicht das Ende des Antisemitismus in Dieburg. Die zwischenzeitlich als städtisches Magazin und Werkstatt benutzte Synagoge wird ab 1946 als Displaced Persons (DP) Camp genutzt, in denen jüdische Flüchtlinge aus den ehemaligen Konzentrationslagern untergebracht werden. 1947 kommt es jedoch zu wiederholten Übergriffen auf die jüdischen Flüchtlinge, angeheitzt z.B. durch antisemitische Witze in Fastnachts-Büttenreden. Scheiben von jüdischen Wohnhäusern werden eingeworfen, Juden und Jüdinnen in Restaurants und in der Öffentlichkeit beleidigt und angegriffen. Die erneute Pogromstimmung wird auch durch die lokalen katholischen Kirchenoberen geschürt. In einem Brief an Bischof Aloisius Muench am 6. August 1947 bedankt sich Bischof Albert von Mainz für die Rückgabe des als DP-Camp genutzten Konvikts in Dieburg, um im Anschluss die Übergriffe zu rechtfertigen und die Juden in bester antisemitischer Manier für ihre eigene Verfolgung verantwortlich zu machen:
Die Juden sitzen in schönen und geräumigen Wohnungen […] während die ausgewiesenen Deutschen zu 7 – 8 in einem Zimmer wohnen müssen, und zwar verheiratete und Kinder zusammen. Was das für sittliche Notstände herbeiführt, kann man sich denken. Das auf diese Weise ein neuer Antisemitismus groß wird, der vielleicht den nationalsozialistischen übersteigt, kann man auch leicht ermessen.
Bürgermeister Steinmetz sieht sich am 16. Januar 1947 durch die Beschwerde des UNRRA-Direktors Trouchaud über die antisemitischen Vorfälle genötigt, die Jugendlichen zu ermahmen. Die Übergriffe ordnet er nicht etwas in eine antisemitische Kontinuität in Deutschland ein, sondern verharmlost sie als „Bubenstreiche“. Die Aufforderung, sich gegenüber jüdischen Menschen „korrekt und human zu benehmen“, rechtfertigt er aber nicht durch die Selbstverständlichkeit, mit der dies eigentlich geschehen sollte, sondern mit den Sanktionen, die andernfalls von Seiten der Besatzung drohen:
Die Militärregierung behält sich in dieser Angelegenheit Maßnahmen gegenüber der gesamten Stadt vor.
Es muss in aller Deutlichkeit darauf aufmerksam gemacht werden, dass solche „Bubenstreiche“, wie die in letzter Zeit verübten, nicht nur auf die Übeltäter, sondern auch die ganze Stadt zurückfallen (Ausgangsbeschränkung oder Räumung von Häusern).
Die Synagoge wird renoviert und am 29. Juli 1947 wieder geweiht, allerdings schon 1948 wieder geschlossen. Die meisten jüdischen Displaced Persons sind zu diesem Zeitpunkt in das gerade gegründete Israel ausgewandert. Das Gebäude wird danach als Möbellager, Kino und Einkaufsmarkt benutzt und 1986 endgültig abgerissen, um für den Naubau der Sparkasse Platz zu machen. Mit ihr entledigte man sich in Dieburg der letzten im Alltag gegenwärtigen Spur jüdischen Lebens.
Wie jedes Jahr wird dieses Jahr in Dieburg nichts an diese Ereignisse erinnern. Zur Mahnung der Opfer des deutschen Nationalsozialismus gibt es keine offizielle Gedenkveranstaltung.
Von den in Dieburg geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen wurden von den Deutschen ermordet (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem):
Betty Altheimer (*1867)
Jettchen Arnsberg geb. Westheimer (*1877)
Julius Baer (*1918)
Albert Blum (*1917)
Johanna Blum geb. Heil (*ca. 1880)
Moritz Blum (*1864)
Toni Blum (*1909)
Zacharias Frohmann (*1873)
Heinrich Goldschmidt (*1863)
Isaak Heil (*geb. ?)
Babette Kahn geb. Neustätter (*1889)
David Kahn (*1883)
Jakob Kahn (*1922)
Johanna Kahn geb. Lorch (*1897)
Lotte Kahn (*1928)
Hermann Katz (*1876)
Ludwig Katz (*1902)
Sara Katz geb. Liebmann (*oder geb. Lehmann?, 1874)
Berta Keller geb. Fuchs (*1906 oder 1907)
Max Kraemer (*1873)
Adolf Lehmann (*1878)
Julie Lehmann geb. Karlebach (*1883)
Ida Lorch geb. Wolf (*1884)
Ilse Lorch (*1919)
Lili Lorch (*1908)
Max Lorch (*1883)
Rosa Lorch geb. Simon (*1876)
Selma Lorch (*1906)
Siegfried Lorch (*1886)
Simon Lorch (*1881 oder 1882)
Bertha Marx (*1891)
Lina Rothschild geb. Lorch (*1884)
Frieda Vogel geb. Schiff (*1885)
Regina Wiesenfelder geb. Löb (*1878)
Selig Wiesenfelder (*1877)
Quellen:
- http://www.alemannia-judaica.de/dieburg_synagoge.htm
- Digitales Archiv des Staatsarchivs Darmstadt
- „…wohnen auf der verfluchten deutschen Erde“: Jüdisches Leben in Südhessen nach 1945
- Die ehemalige Synagoge in Dieburg
- Schulabschlussarbeit auf Wikipedia: NS-Zeit in Dieburg
- Keim, Günter: Beiträge zur Geschichte der Juden in Dieburg. Dieburg 1993
- Simon, Adi: Dieburg – Beiträge zur Geschichte einer Stadt. Dieburg 1977
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