Archiv für November 2006

Lang, lang ist’s her

Rechtzeitig zum Montagmorgen werde ich etwas nostalgisch:
German Colony
Ach ja, chaverim be‘ulpan, le‘an ha‘zman ba‘a?

Miscellanea:

  • Ich bleibe nun doch etwas länger in Jerusalem und ziehe nicht nach Tel Aviv. Die nächsten Tage kommt noch mal eine längere Rundmail.
  • Unsere Appartment-Party letztens war super! Erkenntnis: Es gibt kulturelle Unterschiede nicht nur im Musikgeschmack, sondern auch der Tanzbereitschaft zwischen Israelis sowie Deutschen und ÖsterreicherInnen. Bier geht nicht so gut weg, wie man das von Studentenparties gewohnt ist.
  • Ich habe es endlich auch geschnallt: auf studivz.net sind die hippen Leude. Meine Lieblingsgruppe (nach all den antisemitischen Israel-Schmäh-Gruppen): Äquatorialguinea-öffentlich-kritisieren-können-Gruppe. Warum war am 11. September eigentlich kein einziger Äquatorialguineaner im WTC? Hmm? Na? Fällt der Groschen?!?
  • Meine Studienarbeit werde ich nicht über abgesagte Computerspiele schreiben, sondern wahrscheinlich über den jüdischen Erinnerungsbegriff und Kollektiverinnerung. Allemal spannender.
  • F. und A. kommen! Juchu! Touri-Programm fast fertig ausgearbeitet.

EDIT (27.11., 14:37):

  • Viola hat mir das obenstehende Bild dankenswerter Weise weitergeleitet. Nun besteht sie auf Nennung.
  • Wortschöpfung des Tages: Klabautermann-Kapitalismus von Peter Sloterdijk. Danke, Perlentaucher!
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Shabbat shalom… und Jean-Luc!!!

Einer schöner Tag im Universum, wenn Patrick Stewart (aka Jean-Luc Picard) dem Mastermind hinter Star Trek Gene Roddenberry das Alphabet Song singt:

Vielleicht tritt er ja in seinen alten Tagen noch in die Fußstapfen so mancher Star Trek-Besatzungen vor ihm.

Sonst: Wochenendenvorbereitung in vollem Gange (party heute Abend bei uns in der Yitzhak Naidits 9, Jerusalem) und ich habe auf einmal doch keine Wohnung mehr in Tel Aviv. Schade.

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Ha‘UM und Straßenbahngrundsteinlegung

Mein Weg zur Arbeit ist morgens meistens sehr unspektakulär und war es auch heute. Das will ich nur vorausschicken. Ich nehme grundsätzlich den Bus, obwohl es nur zwei Stationen sind, aber wir bekommen hier eine Monatskarte (auf Ivrith hat sie den klangvollen Namen „chodeshi chofshi“, sehr hübsch!) spendiert, also warum nicht.

In Jerusalem wird gerade ein Light Rail System gebaut, zu Deutsch: Straßenbahn. Das ist gar keine schlechte Idee, bedeutet es doch, dass man durch den allnachmittäglichen Verkehrsinfarkt flink und ruhig in die Stadt kommen kann. 2008 soll sie fertig sein und sie fährt bis zum Har Herzl hinauf (wo auch Yad Vashem ist) und weiter. Es ist stadtplanerisch ein großer Wurf, die einzige Stadt mit einer U-Bahn in diesem Land ist Haifa. Das Streckennetz ist dort ganze 1,75km lang und umfasst sechs Haltestellen. Die Waggons sind eigentlich Treppen, die unter dem Carmel-Gebirge hoch und runter fahren. 12% Steigung. Egal. Ab bald gibt es in Jerusalem eine Straßenbahn und das Herumkommen in der Stadt wird in fantastischer Geschwindigkeit möglich sein.

Mich wunderten schon gestern die Polizei-Absperrungen um den Har Herzl und zum Eingang von Yad Vashem. Heute morgen aber sah ich zusätzlich noch ca. 20 Sicherheitsmenschen, die sich am Straßenrand berieten. Eine Versammlung von gutgebräunten Schränken: Knopf im Ohr, sandfarbene Hose, blaues Jackett. Einer gestikulierte und gab offensichtlich Anweisungen. Ich dachte nur: Die könnten mich alle mit nur einem Schlag töten. Heute wird der Grundstein für die Bahn gelegt, symbolträchtig in der Nähe zum Grab Theodor Herzls. Die Baustelle ist feierlich mit Jerusalem- und Israelfahnen geschmückt, sogar die Bauarbeiter scheinen sich zurecht gemacht zu haben. Bierzelte vor dem Eingang der World Zionist Organization.

An der Eingangskontrolle fragte ich dann, was denn los sei mit den ganzen Absperrungen. Die nette Sicherheitsbedienstete (die das mit dem einen Schlag auch zweifelsohne beherrscht) erzählte mir, es komme jemand von Ha‘UM. Das Wort war mir bis heute noch kein Begriff, sie klärte mich auf: United Nations. Ivrith: ארגון האמות המאחדות – irgun ha‘umot ha‘me‘uhadot. Abkürzungen sind gar nicht so verkehrt, denke ich mir. Kurz darauf Aufregung: Der Kollege sieht die anrückende Fahrzeugkollone: „Ze ha‘UM! Ze ha‘UM!“ („Das ist die UN!“) Jetzt muss alles ganz schnell gehen. Wieder Gestikulieren, Schranke hoch, Lächeln, Smalltalk am Beifahrerfenster, geschafft. In den Land Rovern sitzen Männer in Anzügen, drei auf der Rückbank, kaum Beinfreiheit in diesen SUVs. Vor dem Visitor’s Center wartet das Kamera-Team schon auf die feierliche Begrüßung der Delegation.

Viel Aufregung also auf meinem Weg zur Arbeit. Fahnen hissen, Bürgersteige absperren, UN schmeicheln. Alles Alltag für die tapferen Männer und Frauen der Sicherheitsfirmen hier. Service with a smile.

UPDATE (23.11., 13:57): Folgendes Bild habe ich von dem Mini-Zeppelin gemacht, der während der Zeremonie über dem Herzl-Berg schwebte. Er schwebte in ungefähr 50m Höhe und hat eine Kamera, die Nummernschilder und Gesichter gut aufgelöst fotografieren kann.
Eye in the Sky

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RCDS Gießen: „Es tut uns so leid, dass Ihr es erfahren musstet!“

Wenn ein Neonazi nicht nur als Mitglied sondern auch als stellvertretender Vorsitzende einer vergleichbar angesehenen Hochschulgruppe geoutet wird, mag das manche überraschen. Wenn es um den Gießener RCDS geht, der für seine guten Drähte in die lokalen rechten Burschenschaftshäuser schon lange bekannt ist, scheint als Grund für diesen Umstand aber weniger unwissentliches Versehen als wissentliche Duldung in Betracht zu kommen. Warum sonst wurde der Name des Funktionärs, Matthias Müller (links, Bild aus Broschüre „Heidelberg, Du Feine!“ [PDF, 4.4MB] vom Antifa AK Uni Heidelberg), nie auf den Internet-Seiten der Gruppe erwähnt?

Wenn die selbe Gruppe dann noch eine Stellungnahme schreibt, die als „Entschuldigung“ an die Parteikollegen daherkommt, diskreditiert sie sich endgültig:

Der RCDS Gießen bedauert die Tatsache, dass es in den vergangenen Tagen um die Mitgliedschaft des Studenten Matthias Müller im Vorstand der Gruppe zu einer Kontroverse gekommen ist.

Aber wirklich, meine Herren, sehr bedauerlich, dass es da wegen dieses Vorstandsmitglieds zur Kontroverse kam. Nicht, dass die Anwesenheit eines Nazis im Vorstand etwas bedauernswertes wäre, aber die Öffentlichkeit reagiert doch so gereizt darauf. Ein wirklich starkes Stück! So einen Image-Schaden kann man den Kollegen wohl nicht zumuten, also entschuldigt man sich brav:

Insbesondere bedauern wir, dass wir allein durch unsere organisatorische Inkonsequenz dem Ruf des RCDS und der Christlich Demokratischen Union geschadet haben. Dies war niemals unsere Absicht. Wir bitten alle Mitglieder des RCDS sowie der Union in Gießen um Entschuldigung.

Die Erklärung trumpft nur so mit Neuigkeiten auf: Es war niemals ihre Absicht, den Partei-Spezis zu schaden. Fantastisch! Vielleicht sollte man sich auch noch bei Herrn Müller entschuldigen, den man ja nun wegen dieser bedauernswerten Kontroverse aus seinem Amt schmeißen musste. Das werden die konservativ-bewegten Spießgesellen aber schon eher persönlich gemacht haben.

Schließlich erfahren wir noch einige RCDS-Interna:

Während seiner aktiven Zeit hat er ferner zu keinem Zeitpunkt rechtsradikale oder demokratiefeindliche Meinungen im Kreis des RCDS geäußert.
Dennoch haben Vorstandsmitglieder vor einiger Zeit über seine Vergangenheit erfahren. Danach gab es keine Basis mehr für eine Zusammenarbeit. Man beschloss, sich zu trennen.

Als Vorsitzender des Landesverbands Südwest der Jungen Landsmannschaft Ostpreußen, Autor der Jungen Freiheit und regelmäßiger Besucher von Neonazi-Aufmärschen fällt man in RCDS-Vorstandssitzungen halt einfach nicht weiter auf. „Skinheads sind nicht unnatürlich, das sind ganz normale Jugendliche, die sich zu ihrem Volk und ihrer Nation bekennen wollen“ (Quelle: FR) sind Aussagen, die da zum guten Ton gehören, sind sie doch keineswegs demokratiefeindlich oder rechtsradikal.

Seine Vergangenheit war es dann also, die ihn für den Vorstand untragbar machte, schließlich ist ja zu vermuten, dass er nun nach „der Trennung“ aus seinen Fehlern gelernt haben und zukünftig nicht mehr so dummes Zeug daherreden wird. Es tut weh, die Trennung, aber sie ist wohl zu seinem Besten.

Willkommen also in dem christlich-demokratischen Haus der akzeptierenden Jugendarbeit “RCDS”. Denn ganz so schnell wollten sie ihn dann doch nicht rausschmeißen. Je länger man die Erklärung liest, desto mehr entlarvt sie die Heuchelei, die als Stellungnahme einer Geläuterten Gruppe daherkommen sollte:

Lediglich die Tatsache, dass Matthias Müller sich am Ende seines Studiums befindet, erklärt, dass er formell das Amt weiterhin begleitete. Der Vorstand bedauert, dass der RCDS nicht entschiedener gehandelt – und nicht auch den formalen Ausschluss in die Wege geleitet hat. Da Müller sein Studium beenden und aus dem RCDS ausscheiden wollte, haben wir auf ein spektakuläres und aufwändiges Ausschlussverfahren verzichtet. Dies war falsch!

Ja, das wahr wohl nix. Ganz unspektakulär und unaufwändig wollte man die Sache aussitzen. Nun ist sie leider öffentlich und man muss rechtfertigen, warum man den Nazi nicht früher rausgeschmissen hat. Statt einer Analyse oder Erklärung der Fehler gibt es nur ein mea culpa: „Echt sorry, Leute, ist halt doof gelaufen, können wir uns auch nicht erklären.“ Dass man in der Anwesenheit eines Neonazis einfach so weitermachen wollte, ohne aus den angeblich neu gewonnenen Erkenntnissen Konsequenzen zu ziehen, lässt sich halt einfach nicht erklären. Aber kann etwas ohne Erklärung einfach falsch sein? Der RCDS Gießen beweist: Ja! Aus Erfahrung wurden wir klug und obwohl wir nicht wissen warum, wissen wir jetzt: Es war falsch!

Auch um eine Behauptung als Lüge aufzudecken reicht es den Dullis des RCDS, sie als solche zu benennen:

Der Vorwürfe, man habe Matthias Müller „aus Kalkül“ nicht in den Vorstandlisten geführt, wie im Artikel der „Frankfurter Rundschau“ suggeriert wird, sind falsch und werden entschieden zurückgewiesen.

Er wurde halt nicht mit aufgeführt, so einfach war das! „Falsch ist etwas, wenn man es als falsch benennt“ scheint die bestechende Logik der Erklärung zu sein. Dass es in einer offiziösen Stellungnahme mitgeteilt wird, scheint dem RCDS Legitimation genug für seine Position in dieser Sache zu sein. Es erscheint ihnen nicht notwendig, eine alternative Erklärung für diese skandalöse Tatsache zu liefern, ihre Seite der Geschichte darzustellen. Dies, und nicht das „entschiedene Zurückweisen“, sollte jedoch eigentlich bei Gegendarstellungen der Kern der Entgegnung sein. Wenn nicht „aus Kalkül“, ja warum denn dann, bitteschön?

Als Intelligenzbestien waren die Jung-CDUler halt noch nie so recht bekannt, dafür kehren sie zum Schluss aber gerne den Emo-Softie heraus:

Der RCDS ist zutiefst berührt, dass durch unser (Nicht-)Handeln der Eindruck entstehen konnte, dass wir rechtsextremes Gedankengut in unseren Reihen dulden.

Wirklich zutiefst berührend, diese Erklärung, und am Ende lässt man sich doch fast dazu hinreißen, den auf einmal sehr zerbrechlich wirkenden „Gruppenvorsitzenden“ Burkhart Hofbeck (links) in den Arm zu nehmen und ihm zu sagen: „Mach Dir nix draus, Burki. Jeder macht mal Fehler.“

Eine Stellungnahme also, die gar keine ist, denn sie lässt neben der infantilen Vorstellung, durch eine Entschuldigung geschehenes Unglück rückgängig zu machen, keine Spur der Erklärung erkennen. Nach der Lektüre dieser Stellungnahme darf viel mehr vermutet werden, dass die Beteiligten zu einer solchen Erklärung ihrer misslichen Lage intellektuell auch gar nicht im Stande gewesen wären. Der feine Unterschied zwischen Erklärung und Entschuldigung fiel dem damaligen Außenminister Joschka Fischer schon schwer, als seine jugendliche Angewohnheit, Bereitschaftsbullen zu verkloppen, öffentlich geworden war. Der RCDS Gießen versucht es gar nicht erst, sondern plappert einfach vor sich her und ist überzeugt, man nimmt es für bare Münze.

Wenn man diesen Verein kennt, überrascht das alles wenig. Hinter einer “Stellungnahme”, die so schnell in eine derartige Peinlichkeit mündet, kann nur einer stehen: Der Ring Christlich-Demokratischer Studenten Gießen. Vielleicht sollte die „Stellungnahme“ durch ihre unvoreingenommene Absicht zur Entschuldigung die ganze Sache etwas unschuldiger erscheinen lassen, als sie es ist. Vielleicht wollte man mit dieser „Stellungnahme“ die ganze Geschichte als das Missverständnis herausstellen, für das man sie offensichtlich im Vorstand hält. Herausgekommen ist dabei eine nicht nur sprachlich ungelenke Entschuldigung, die die Wahl eines Nazis in eine Führungsposition verharmlost, den darum entstandenen Wirbel allein wegen des Image-Schadens bedauert und den RCDS als das ausweist, was er ist: Politisch ahnungsloser Provinz-Dünkel.

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Shabbat shalom… und Bilder!!!

Harry macht glücklich! Er hat seine Kamera dabei, wenn ich meine vergesse, er geht zur Homo-Demo ins Stadion, während ich mich in Haifa am Strand aale. Hier also, was ihr dank meiner Nachlässigkeit und Schönwetterneigung fotografisch bisher vermisst habt:

Ihr erinnert Euch vielleicht noch an die Parade „Walk for Jerusalem“ am Sukkot vor ein paar Wochen? Ich stolperte hinein und berichtete darüber (besonders entzückt hat mich der Gleichschritt der Angestellten der Rüstungsfirma Rafael, manche erinnern sich). Harry hat die Bilder, die man sich alleine schon wegen manchen christlichen Spinnern drauf ansehen sollte:

Rafaelos!
Die Angestellten im Gleichschritt. Hurra, die Rafaelos kommen!
DER BÜRGERMEISTER!!!
Uri Lupolianski, Bürgermeister der Stadt Jerusalem. In einer Kutsche. Es ist der ohne Sonnenbrille.
Fiese Motorradbullen, paarweise und durchgeladen
Fiese Motorradbullen, paarweise und durchgeladen.
You got's to show some love!
Yay! And Israel just loves Austrian Christians!

Als die World Pride Parade, zu deren Anlass ultra-orthodoxe Haredim hier in Jerusalem nicht nur Kontroversen entfachten, auf den Givat Ram Campus verlegt wurde, traute sich Harry trotz befürchteten gotteslästerlichen Umtrieben hinein und machte Fotos. Ein paar sehr schöne:

So. Genug Bilder erstmal. Ich gehe jetzt ins Wochenende. Shabbat shalom!

EDIT (19.11., 11:30): Irgendwie war dieser Artikel zwischenzeitlich vom Blog verschwunden, bzw. wurde von dem Entwurfsordner verschluckt. Nun ist er wieder da.

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