Archiv für September 2006

Die Hitzewelle rollt

P1000910Gerade rollt über Jerusalem eine ganz kräftige Hitzewelle hinweg, die Temperaturen werden nach einer etwas kühleren Woche wieder in die 30er katapultiert. Zusätzlich weht ein echt warmer, trockener Fön über die Hügel der Stadt, was auch ungewöhnlich ist, denn bisher war der Wind immer etwas kühler und sehr erfrischend, auch an heißen Tagen. Oren sagt, das Wetter käme von Ägypten und dem Toten Meer nach Norden, nächste Woche würde es wieder kühler. Genug Meteorologie.

Hier gibt es Joghurt mit 0% Fett. Fettfreier Joghurt. Ich frage mich derweil, wie er trotzdem so cremig und lecker sein kann. Die Milch mit 1% Fett hingegen ist wenig mehr als Kalkwasser, fad und ziemlich ungenießbar. Dafür besitzt aber das Obst und Gemüse aus dem Supermarkt hier richtig Geschmack, Reis mit Gemüsepampe wird so schon eher zu einer Gaumenfreude. An der Kasse jedoch kommt die Überraschung: Geduld ist der Israelis Stärke nicht, das merkt man überall, im Straßenverkehr sowie beim Versuch der Kontaktaufnahme in gebrochenem Ivrith. Ein Freund beschrieb es einmal als eine „erhöhte Betriebstemperatur“. Es gibt dafür so einige Erklärungsversuche. Was mir jedoch noch niemand erklären konnte ist, warum diese Eile und Ungeduld bisher noch nicht die Supermarkt-KassiererInnen erfasst hat. Sogar wenn vier Kassen offen sind hört man das Piepen der Barcode-Scangeräte nur sehr vereinzelt. Die Angestellten schleppen die Tomaten in Zeitlupe auf die Waage, das Abzählen des Wechselgeldes ist ein zähes Unterfangen, nur mit einer gewissen Behäbigkeit rücken sie weitere Plastiktüten heraus. Da bin ich aus dem deutschen Discounter aber anderes gewohnt. Dafür kann man hier in Ruhe einpacken und den Betrag, den man der halb eingeschlafenen Kassiererin in die Hand drückt, genau abzählen.

Was ich hier auch zum ersten mal gesehen habe: Feilschen an der Kasse um den Gesamtpreis. Dabei geht es manchmal etwas erhitzt zu („Seit Jahr und Tag kaufe ich hier ein…“, „Der Joghurt war aber anders ausgeschrieben…“ bzw. werden Prospekte ausgekramt), die Schlange wird dabei schlichtweg ignoriert und das komische: Auf einmal scheint es dort auch niemand mehr eilig zu haben. Manchmal kommen KundInnen auch mit Quittungen wieder in den Laden und stellen die zuständigen KassiererInnen wegen dem ein oder anderen Posten zur Rede. Dieses Hin und Her hat aber spätestens mit dem Einsteigen in das Auto wieder ein Ende, da kommt der Durchschnittsisraeli wieder zur Räson und bemerkt, dass er es doch ganz schön eilig hat.

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Ein Kaff am Teich: Tiberias

Fahrt bloß nicht hin! Es ist eines dieser Urlaubsparadiese, in der es nie unmodern wurde, von Hotelterassen herab Remixe von 90er-Jahre Eurodance-Hits auf die Promenade schmettern zu lassen. Neben den Bootsverleiehen, den ekelhaften Restaurant-Abfällen, die in den tümpeligen Privatboot-Hafenbecken herumschwimmen, den nervigen, lauten Familien, den Arsim-Prollos mit ihren jungen Kampfhunden und dem Sand-und-Sonnencreme-Charme von 24-Std.-Läden, die neben Bier und Fladenbroten auch Schwimmreifen verkaufen gibt es dort nichts zu sehen. Richtig schön wird es erst außerhalb der Stadt. Und an der Ostküste des Sees Genezareth, wo man ohne Auto nicht so richtig hinkommt. Wir waren dann noch in Haifa und in Habonim, das wirklich ziemlich paradiesisch ist, an unserem Neujahrswochenende.

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Frauenschuld und Männerphantasien

Endlich wissen wir’s: An den Wahlerfolgen der NPD im Osten sind die Frauen schuld! Schirrmacher wird nicht müde sein Steckenpferd, die oft bemühte „demografische Zeitbombe“, als Folie unterschiedslos auf alle Probleme des modernen Deutschland zu legen um so zu dem immer gleichen Schluss zu kommen. Gestern in FAZ verrät er dem geneigten Leser:

Nicht weil die Menschen anders denken – sondern weil die, die dort leben, aufgrund der demographischen Gegebenheiten im Begriff sind, in einer ganz anderen Gesellschaft zu leben. In einigen Kerngebieten Deutschlands – zuerst in Mecklenburg-Vorpommern – entstehen Bevölkerungszusammensetzungen, wie wir sie bislang nur nach dem Ersten Weltkrieg oder aus dem Mittelalter kannten, und einige Gebiete sind soziodemographisch so strukturiert wie einst die Milieus, aus denen die NSDAP ihre Reserven bezog.

Aha. Alles beim Alten also in Germany, das Sein und folglich das Bewusstsein ändert sich allein dank der so genannten „Bevölkerungszusammensetzung“. Bevölkerungspolitik, ein wirklich hässliches Wort, wäre eigentlich die Lösung, Frankie schreckt davor nicht zurück, wenn er diese Veränderungen „bevölkerungspolitisch induzierte Miniatur-Revolutionen“ nennt. Aber es gibt natürlich nicht nur die Auswirkungen, es gibt auch die Ursachen des Problems:

Nur vier Prozent der Frauen haben NPD gewählt, aber zehn Prozent der Männer. Diese Daten sind zunächst nicht anderes als Wahlanalysen. Bringt man sie aber mit der demographischen Lage Mecklenburg-Vorpommerns zusammen, fällt es einem wie Schuppen von den Augen: In einigen Teilen wird Deutschland zu einem Land, in dem Arbeitslosigkeit nur ein kleiner Teil eines schlimmen Schicksals ist. Abwanderung, Alterung und die daraus resultierende wirtschaftliche Depression haben erstaunliche Milieus hervorgebracht, von denen wir jetzt die fast still werkelnde NPD profitieren sehen. Seit 1995 haben vor allem junge Frauen die neuen Bundesländer verlassen – unter den 1,5 Millionen Menschen, die in den Westen gingen, waren überdurchschnittlich viele 18- bis 29jährige Frauen. „Die zurückbleibenden Männer“, so das Berlin Institut für Bevölkerungsentwicklung, „sind häufig gering qualifziert und arbeitslos. Dieser Umstand beschleunigt den Bevölkerungsschwund noch. Denn Männer am sozial unteren Ende des Heiratsmarktes finden, statistisch gesehen, selten eine Partnerin zur Familiengründung.“

Die deutsche Demokratie steht und fällt nun einmal mit der Gründung einer deutschen Familie. Offensichtlich bleibt den ostdeutschen, abwanderungsunfähigen Bratzen nach dem Fortzug ihrer potentiellen Gattinnen gar nichts anderes übrig als ein Leben für die Arbeitslosigkeit und den Nationalsozialismus. Ein wirklich schlimmes Schicksal, findet auch Frank Schirrmacher.

Aber Frankie hat die Klassiker zum Thema gelesen, das merkt man gleich. Klaus Theweleit darf, wenn es um die oben genannte Mischung von Sexuellem und Politischem geht, nicht fehlen. Er legt auch gleich noch ein paar eigene Männerphantasien nach, wenn er über die langfristigen Probleme in den brown towns zu sprechen kommt:

Denn der Verteilungskampf vieler Männer um die weniger werdenden Frauen endet nicht nach ein oder zwei Jahrgängen, sondern die überzähligen Männer summieren sich über mehrere Jahre. […] Je mehr heiratsfähige Männer aus sozialen Gründen daran gehindert werden zu heiraten, weil es die Frauen dazu entweder nicht gibt oder von denen, die es gibt, keine die Zurückgebliebenen haben will, desto mehr Testosteron zirkuliert.

Wer will da noch Demokrat bleiben, wenn die Verteilungskämpfe wüten und das Testosteron zirkuliert? Frieden und Freiheit ind Deutschland hängen offensichtlich an dem seidenen Faden der Paarungsbereitschaft junger ostdeutscher Frauen, die nach mehr oder weniger hormonbefeuertem Kampf unter den ostedeutschen Männern verteilt werden. Welche Frau bekommt denn bei solchen Aussichten keine Lust, sofort wieder nach Postlow zu ziehen?

Mehr Frauen heißt weniger Hormone heißt mehr Demokratie. Und das alles kann man im Osten sehen: Zurückgebliebene, NPD-wählende, sich im Verteilungskampf um Frauen prügelnde Testosteronpakete. Dazu haben die jungen, ostdeutschen Frauen mit den Flusen von Gleichberechtigung und Leben-selber-in-die-Hand-nehmen den armen deutschen Durchschnittsmann gemacht.

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Kennst Du das? Heute: Beats Biblionetz

Beats Biblionetz
Manche Ressourcen im Internet entdecke ich und kann darauf nicht fassen, dass ich sie noch nie genutzt habe. So geschehen mit Beats Biblionetz. So ganz verstanden, was man damit alles anstellen kann habe ich noch nicht, nach eigenen Angaben ist das Biblionetz aber, ganz den old-school-Traum des Hypertext folgend ein

  • Literaturverzeichnis
  • Begriffslexikon
  • Personenlexikon
  • Fragenkatalog
  • Sammlung von Aussagen, Thesen und Empfehlungen
  • Zitatsammlung
  • Linksammlung

Die Verhältnisse zwischen Büchern, Texten, Fragen und Themen werden grafisch (und wenn man ein SVG-Plugin hat auch interaktiv) dargestellt, insgesamt gibt es über 70.000 interne Links. Ganz coole Sache, keine Ahnung, ob ich sie für mich nutzen werde.
Dank an den Weiterbildungsblog für den Tipp. Nun gehe ich nach Hause.

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Vor verschlossener Tür

Es fängt die Arbeitswoche in Israel am Sonntagmorgen an. Nun kam ich vor mehr als einer Stunde bei meiner derzeitigen Arbeitstelle an, nur um die Tür zu meinem Büro verschlossen vorzufinden. Und vor verschlossenen Türen arbeitet es sich nun einmal nicht besonders gut.
Ja wo ist der Hausmeister?
Für mein Praktikum suche ich gerade nach (möglichst grundlegender) Literatur zu den Themen eLearning und Online-Kursangeboten. Aber wo anfangen? Besonders zu den Themen scheint es sich nicht leicht zwischen Werbe-Texten und ernst gemeinten Informationen zum aktuellen wissenschaftlichen Stand unterscheiden zu können.
Und das wird auch noch gebloggt, William M. Chace hält endlich die Rede, die er als Uni-Präsident gerne einmal gehalten hätte:

[…]Laudable could be cheaper, but you wouldn’t like it. You and your parents have made it clear that you want the best. That means more spacious and comfortable student residences (“dormitories,” we used to call them), gyms with professional exercise equipment, better food of all kinds, more counselors to attend to your growing emotional needs, more high-tech classrooms and campuses that are spectacularly handsome.[…]

After paying (and receiving) all this money, please finish up and get out. Colleges like Laudable are escalators; even if you stand still, they will move you upward toward greater economic opportunity. Once you leave us, you’ll have a better chance for a good job and a way to pay off your debt and to give us more money when we call on you as alumni.

So don’t flunk out; you’ve got too much invested in us, and we have too much invested in you. […]
Quelle: A Little Learning Is an Expensive Thing in der New York Times vom 5. Sept. 2006.

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