Archiv für Juli 2006

Hisbollah-Taktiken

Nach dem Tod von mehr als 60 unbeteiligten Zivilisten nach der Bombardierung des Ortes Qana durch die Israeli Air Force wächst der Druck auf Israel, die Kampfhandlungen einzustellen (die genaue Ursache des Einsturzes ist übrigens bisher ungeklärt, da das Gebäude erst sieben Stunden nach der Bombardierung eingestürzt sein soll). Bisher gibt es aber so gut wie keinen internationalen Druck auf die Hisbollah, den Beschuss israelischer Städte einzustellen. Nur durch die strengsten Sicherheitsmaßnahmen in Städten wie Kiryat Shmona, wo die Bewohner seit Wochen in Bunkern leben, konnten mehr israelische Todesopfer verhindert werden.

Dabei ist die Hisbollah nicht nur verantwortlich für die Toten und Verletzten auf der israelischen Seite. Ihre Taktik im Libanon nimmt dort tote Zivilisten nicht nur in Kauf, getötete und verwundete Unbeteiligte sind eine ihrer vorsätzlichen und wichtigsten Ziele. Die Bilder, die nach israelischen Luftangriffen um die Welt gehen sind empörend, dass diese Bilder allerdings besondere Voraussetzungen haben, die in der bewusst gewählten Taktik der Hisbollah liegen, findet kaum Erwähnung.

Sayed Ali, langjähriger Hisbollah-Kämpfer und selbsternannter Nachfahre des Propheten Mohammed, gibt in einem Interview mit dem Guardian zu:

Despite Israel’s claims to have inflicted heavy losses on Hizbullah, Ali insists his side is in a strong position. „Things are going very well now, whatever happens we are winning. If they keep bombing us we will stay in the shelters, and with each bomb more people support the resistance. If they invade they will repeat the miserable fate they had in 1982, and if they hold one square foot they will give the Islamic resistance all the legitimacy. If they want to kill Hizbullah they have to kill every Shia in the south of Lebanon.“

Danach kündigt er übrigens an, nach dem Sieg gegen Israel im eigenen Land Abweichler zu verfolgen.

Ein IDF-Video dokumentiert, dass u.a. Raketenabschüsse aus Dörfern und dicht besiedelten Gebieten statt finden. Das Video und etliche andere, die die Hisbollah-Aktivitäten in Qana dokumentieren, finden sich auch auf Seiten des israelischen Außenminsteriums.

Dass die Hisbollah selbst UN-Posten im Libanon zum Schutz benutzt, bestätigt ein UN Briefing von Marie Okabe (Deputy Sokesman for the Secretary-General) am 28.07.2006:

Asked about Hezbollah tactics near UN positions, the spokesperson said that Hezbollah sometimes uses UN positions as a shield. Fawzi added that, as Holl Lute told the Security Council earlier this week, Hezbollah was not in the vicinity of Khiam when that post was demolished. […] There were two direct impacts on UNIFIL positions from the Israeli side in the past 24 hours and five other incidents of firing close to UN positions from the Israeli side. It was also reported that Hezbollah fired from the vicinity of five UN positions. […] Asked whether the United Nations has protested to Hezbollah about the firing near its positions, Fawzi said that UNIFIL has been in contact with all parties.

Der Ottowa Citizen berichtet über eine eMail von Paeta Hess-von Kruedener, einer der vier UN-Beobachter, die bei einem israelischen Luftangriff auf Hisbollah-Stellungen getötet wurde. In ihr schrieb er einem Kollegen der kanadischen Streitkräfte:

The closest artillery has landed within 2 meters (sic) of our position and the closest 1000 lb aerial bomb has landed 100 meters (sic) from our patrol base. This has not been deliberate targeting, but rather due to tactical necessity.

Die „tactical necessity“, die er andeutet, ist die Tatsache, dass der Posten für den Abschuss von Rakten benutzt wurde. Er spricht weiterhin in der eMail von „Hezbollah static positions in and around our patrol Base“. Es liegt der Schluss nahe, dass die Hisbollah absichtlich aus dem Posten heraus Israel beschoss, wissend, dass der IAF-Rückschlag wahrscheinlich Opfer unter den dort stationierten UN-Beobachtern fordern würde.

Ganz im Gegenteil, die Hibollah setzt in diesem Konflikt auf die mediale Wirkung getöteter Frauen, Kinder und Alten und die Medien fallen auf die propagandistischen Methoden herein. Anderson Cooper, CNN-Korrespondent, darf nach seiner Entlarvung der Medien-Taktikten der Terrororganisation so schnell wohl nicht wieder an einer ihrer Führungen durch zerstörte libanesische Dörfer teil nehmen. Aus einem Transkript seiner Sendung am 24.07.2006:

(Voice-Over): Young men on motor scooters followed our every movement. They only allowed us to videotape certain streets, certain buildings. Once, when they thought we‘d videotaped them, they asked us to erase the tape. […]

(Voice-over): Civilian casualties are clearly what Hezbollah wants foreign reporters to focus on. It keeps the attention off them. And questions about why Hezbollah should still be allowed to have weapons when all the other militias in Lebanon have already disarmed.

After letting us take pictures of a few damaged buildings, they take us to another location, where there are ambulances waiting.

(On camera): This is a heavily orchestrated Hezbollah media event. When we got here, all the ambulances were lined up. We were allowed a few minutes to talk to the ambulance drivers. Then one by one, they‘ve been told to turn on their sirens and zoom off so that all the photographers here can get shots of ambulances rushing off to treat civilians. That’s the story — that’s the story that Hezbollah wants people to know about.

(Voice-over): These ambulances aren‘t responding to any new bombings. The sirens are strictly for effect.

Sein Kollege Nic Robertson bewahrte im Umgang mit der Hisbollah nicht den nötigen Abstand und fiel auf ihre anti-israelische Propaganda herein. Ob seine späte Einsicht genau so medienwirksam sein wird?

UPDATE (01.08.2006): Die libanesische Internet-Seite Libanoscopie zitiert nun eine Quelle, die behauptet, die Hisbollah hätte die Qana-Tragödie inszeniert, um die Pläne der Regierung und Seniora, sie zu entwaffnen, zu verhindern:

„We have it from a credible source that Hizbullah, alarmed by Siniora’s plan, has concocted an incident that would help thwart the negotiations.
Knowing full well that Israel will not hesitate to bombard civilian targets, Hizbullah gunmen placed a rocket launcher on the roof in Qana and brought disabled children inside, in a bid to provoke a response by the Israeli Air Force. In this way, they were planning to take advantage of the death of innocents and curtail the negotiation initiative,“ the site stated.
Quelle: YNetnews

Man darf gespannt sein, ob sich diese Geschichte bewahrheitet.

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HOWTO für angehende NahostkorrespondentInnen

Claudio Casula hat schon vor Monaten einen kleines HOWTO für angehende NahostkorrespondentInnen geschrieben und es scheint heute zutreffender denn je. Angesichts der Wahrheit vieler seiner Leitsätze blieb mir das Lachen oftmals im Halse stecken:

Mach dir keine Sorgen: Obwohl der israelisch-arabische Konflikt schon etliche Jahrzehnte währt und hochkomplex ist, ist für den Berichterstatter kaum Grundwissen erforderlich. Es ist auch gar nicht nötig, den unwissenden Leser oder Zuschauer mit Fakten zu nerven und das ganz dicke Brett zu bohren. Ein simples Bild ist gefragt.

Und die Sache ist ganz einfach: Israel ist die stärkere Partei in diesem Konflikt (Bad Guy), die Palästinenser die Underdogs (Good Guy). Nach diesem Muster biegen wir die Ereignisse vor Ort zurecht. Du wirst sehen, es geht wie von selbst.

Quelle: Philippika: So wird man Nahostkorrespondent – Eine Anleitung

via: western light

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Yalla ya Nasrallah!

Ich weiß nicht, ich hatte eigentlich vor einmal etwas längeres zu der derzeitigen situation (wie sie hier genannt wird) zu schreiben und was ich besonders an den Reaktionen in den Medien und der Öffentlichkeit erstaunlich finde… aber irgendwie scheint mir das alles etwas sinnlos. Deshalb gibt es jetzt erst mal Stimmung mit dem neuen Hit aus Israel!
Yalla ya Nasrallah, nidfok otchah inshallah!! Take it away, boys:

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And what it is that suprises me, is that I don‘t really want you to

Wegehen in Tel Aviv, ich habe es nun ein paar mal ausprobiert. Die Resultate sind ernüchternd. Von dem Abend, der nur von George Michael gekrönt werden konnte, habe ich ja bereits erzählt. Gestern und heute war ich wieder mit ein paar anderne Gästen meines Hostels auf Parties in Bars am Strand und in der Stadt. Es ist nicht so, dass die jungen Menschen hier nicht wüssten, wie man Party macht und lange auf bleibt. In Yafo ist nachts um drei noch genau so viel los wie nachmittags. Auf der Straße stauen sich die Autos, der Ofen der Abulafia-Bäckerei arbeitet auf Hochtouren, Mobiltelefone im Anschlag, Sischas mockern ordentlich auf dem Bürgersteig…

Wir waren heute Abend in einer sehr netten Strandbar, in dessen Gebäude früher auch mal ein Dolfinarium untergebracht war. Die Wasserfront ist an der Stelle wirklich sehr wild und romantisch, die Wellen krachen nur so gegen das an der Küste aufgetürmte Geröll. Die Bar an sich ist eigentlich eine große Terasse, die das Meer überblickt, es dröhnen schon von weitem die Bässe der Tanzmusik in den begrünten Streifen, der zwischen Straße und Strand auf dem Weg dahin angelegt ist. In anderen Worten: Es ist wirklich hübsch und vielversprechend.

Wäre da nicht eine Sache: Der Tel Aviv Insider sagt über den Club AYS: „Good pickup scene as well.“ Wenn ich in den letzen Tagen über die Bar- und Party-Szene hier etwas gelernt habe, ist es, dass man das in einer Beschreibung über ein solches Etablissement nicht ausdrücklich erwähnen muss, weil es sich einfach derartig von selbst versteht. Die Stadt ist voller Bars, die eine „good pickup scene“ haben.

Zum Unterhalten zu laut, zum Betrinken zu teuer, zum Abhotten zu sehr um den Eindruck auf der Tanzfläche bemüht. Sagen wir, man hat Lust darauf, einfach einen netten Abend mit Freunden zu verbringen, nach dem man leicht erschöpft und leicht angeduselt im Morgengrauen nach Hause schlendert? Fehlanzeige. Wenn man sich nicht unterhalten, Blicke zuwerfen, antanzen möchte, hat man auf der Tanzfläche einfach nichts verloren. Das ist zumindest der Eindruck, mit dem ich bisher immer aus dem Ausgang der Läden gewankt bin.

Bisher konnte ich noch niemanden hier im Hostel überzeugen, mit mir entweder ins Dada oder das Maxim zu gehen. Beide beschrieben mir der Inhaber eines CD-Ladens als die angesagten Clubs der Tel Aviver Elektro-Szene. „Very good, very sleazy“ versprach er mir und beim Anblick seiner zurück gegelten Haare und seiner Vorliebe für Eminem schien mir das wirklich ein authentischer, ernst gemeinter Tipp zu sein. Aber der Drang nach amurösen Urlaubsbeziehungen scheint hier bei der männlichen Belegschaft des Hostels gerade stärker zu sein. Sie zahlen gerne zu viel für das Bier, unterhalten sich mit Frauen, die mindestens sechs Jahre jünger sind als sie und schleppen mich dafür mit.

I bet that you look good on the dancefloor
I don‘t know if your looking for romance or…
I don‘t know what ya looking for
I said I bet that you look good on the dancefloor
Dancing to electro-pop like a robot from 1984
From 1984!

Israel hat dabei 1a Club-Musik und eine blühende englischsprachige Live-Szene. Hier drei Tracks, der dritte ist handgemacht, die anderen eher elektro.

Size Does Matter – Feel the Love:
subsoniq – Trapped:
The Girls – The Girl from Yesterday:

Update (30.07.2006): Ich habe heute erfahren, dass vor dem Eingang eben dieser Diskothek am 1. Juli 2000 der erste Selbstmordanschlag der so genannten „zweiten Intifada“ verübt wurde. Dabei wurden 20 Jugendliche, die meisten zwischen 14 und 20, ermordet, dutzende weitere schwer verletzt. Mehr dazu in einem Bericht von Ulrich Sahm.

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Last Christmas…

Nicht besonders spannend war heute mein Abendprogramm. Ich dachte, es geht auf eine ordentliche Fete oder in einen guten Club. Herausgekommen ist dabei ein sehr mauer Abend, nach dem ich zwar etwas angeschickert bin, mir aber der Schreck weit schlimmer in den Knochen sitzt. Wir waren weg am neuen Hafen hier, erst bei einer Salsa-Party, dann in einem sehr angesagten Club um die Ecke.

Zur Salsa-Party: Schön, wenn junge Paare auf dem Dancefloor alles geben, schade, wenn es so gewollt aussieht. Außerdem liegt der Club in einer Einflugschneise eines Militärflughafens, so dass ich heute zum ersten Mal in meinem Leben eine viermotorige Frachtmaschine von näher als 100m Entfernung gesehen habe, und zwar in der Luft.

Im angesagten Club: Wir kamen nur rein, weil Erez, der nette junge Mann aus dem Hostel, den Bartender kennt und uns wahrheitsgemäß vorstellte als Südafrikaner, Argentinier und Deutscher, die unbedingt rein wollten. Drinnen gab es dann Mr. Wayne, Coco Jambo und I Saw the Sign. Der Rausschmeißer war, und ich mache wirklich keine Witze, Last Christmas von Wham. Ohne Scheiß. Only in Israel.

Ich bin zurück und werde jetzt Harry fragen, ob er mir einen guten Club-Abend garantieren kann. Von mir aus auch ein einfaches Rock-Konzert.

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